Wenn das Herz übergeht

Freundschaftstränen sind die stärksten und wichtigsten Tränen. Wer hat für mich geweint, für wessen Glück weine ich?

BIMAIL VON Dominik Markl SJ

Josef, ein verzärtelter Schönling von klein auf, weckt mit seiner selbstverliebten Träumerei den Hass seiner Brüder. Als er in der Wüste zu ihnen kommt, um ihnen Hirtenproviant zu bringen, packen sie die Gelegenheit beim Schopf und verkaufen ihn, den Arbeitsscheuen, als Sklaven nach Ägypten. Das Glück steht ihm bei, schnell gewinnt er Vertrauen, bis sich sein Schicksal wieder wendet und er unschuldig ins Gefängnis geworfen wird.

Höhen und Tiefen hat er schon durchlebt, als er wegen seiner Gabe, Träume zu deuten, zum Pharao gerufen wird, die drohende Hungersnot erkennt und als Verwalter ganz Ägyptens für Vorräte sorgen muss. Alle Welt kommt zu ihm, um Korn zu kaufen, so auch seine Brüder. Er bleibt unerkannt und behandelt sie streng. Josef erfährt, dass sein Vater noch lebt, bei ihm ein jüngster Bruder, den er nie kennengelernt hat. Er zwingt die Brüder, ihn beim Wiederkommen mitzubringen. Als er den kleinen Benjamin zum ersten Mal sieht, kann er sich nicht mehr halten. „Und Josef lief weg, denn warm wurde seine innerste Zuneigung zu seinem Bruder und er wünschte zu weinen und er kam in sein Zimmer und weinte dort“ (Genesis 43,30).

Nochmals prüft er die Brüder. Erst als Juda den Mut beweist, sich mit Leib und Leben für den Kleinsten einzusetzen, gibt Josef sich zu erkennen. Die Brüder bleiben fassungslos, als Josef, den sie für tot gehalten hatten, zu ihnen spricht, um sich mit ihnen zu versöhnen. „Und er fiel um den Hals Benjamins, seines Bruders, und weinte; und Benjamin weinte an seinem Hals“ (Genesis 45,14).

An Josefs Tränen, die Thomas Mann zu seiner monumentalen Tetralogie „Joseph und seine Brüder“ inspirierten, muss ich denken, als mir ein befreundeter Künstler erklärt, warum er jedem Menschen eine intensive Beziehung voll emotionaler Liebe wünsche. „Das Entscheidende ist, dass du die Erfahrung machst, für das Glück eines anderen Menschen zu weinen. Das macht dich menschlich.“

An jenem Abend erzählen wir einander von Menschen, die für uns geweint, und von solchen, für deren Glück wir geweint haben. Die Sternstunde eines wahrhaft menschlichen Gesprächs. Und ich beginne zu verstehen, dass die Bibel solch ein Gespräch mit mir sucht, wenn sie von Menschen erzählt, die umeinander weinen. Wie die Brüder Josef und Benjamin miteinander weinen, so weinen David und Jonathan, als sie einander in Freundschaft zum Abschied küssen (1 Samuel 20,41). Gott selbst weint um sein Volk: „Dass doch mein Haupt Wasser wäre und mein Auge eine Tränenquelle – beweinen möcht ich Tag und Nacht die Erschlagenen meiner Tochter, meines Volkes“ (Jeremia 8,23). Jesus ist innerlich zutiefst bewegt und den Tränen nah, als er sieht, wie seine Freundin Maria und die mit ihnen befreundeten Juden um ihren Bruder weinen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2010)

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