Todesschatten

Im Moment der inneren Erschütterung hilft es, auf die Dunkelheit zuzugehen. Wie sieht der Todesraum aus? Was hat er mir zu sagen?

BIMAIL VON Dominik Markl SJ

Ein aggressiver, schnell wachsender Gehirntumor. Der Tod kann in wenigen Tagen kommen. Vor nur drei Wochen hat er begonnen, sich anzukündigen, mit Wahrnehmungsstörungen. Dann schwankende Diagnosen. Bis der histologische Befund Klarheit brachte. Soll noch mit einer harten Chemotherapie begonnen werden? Kann Christoph noch seinen freien Willen äußern? Die Angehörigen müssen überfordert sein. Auch die Ärzte. Jeder will nur das Beste. Zwischen rechtlichen Normen, ethischen Überlegungen, Einfühlungsversuchen und menschlicher Überforderung torkeln wir dahin. Niemand kommt an den Todesschatten vorbei.

Wie ein schwarzes Loch liegt da ein Raum der Ängste. Wohin ich auch fliehe, er weicht nicht. Diffus ist er und ungreifbar. Ähnlich unbestimmt wie die schwarzen Löcher der Astronomie, unzugänglich wie Höhlen in tiefem Gestein. Es hat mir geholfen, dies auszusprechen: Ich habe Angst. Vielleicht hilft es mir, auf die Schwärze zuzugehen, das Schwere und Harte zu betasten, anzugreifen, anzuschreien. Vielleicht beginnt es, Gestalt zu gewinnen. Vielleicht anders, als ich es erwarte.

Dieses Wagnis wählt Jesus. Im Moment der innersten Erschütterung geht er zum Grab des Freundes. Er konfrontiert sich mit dem unzugänglichen Todesraum, der Härte des verschließenden Felsens und dem durchdringenden Geruch des Leichnams. Er geht damit nicht nur auf die äußeren Symbole des Todes zu, sondern auch auf seine inneren Ängste und Widerstände. Die realistische Konfrontation mit den harten Fakten menschlichen Leidens hat Jesus bei den Psalmisten und bei Ijob gelernt. Mehrere dieser Hymnen der Qual kennt er auswendig. „Meine Tage sind wie Rauch geschwunden, meine Glieder wie von Feuer verbrannt. Versengt wie Gras und verdorrt ist mein Herz, sodass ich vergessen habe, mein Brot zu essen. Vor lauter Stöhnen und Schreien bin ich nur noch Haut und Knochen“ (Psalm 102).

„Würde doch mein Gram gewogen, legte man auf die Waage auch mein Leid! Denn nun ist es schwerer als der Sand des Meeres, darum reden meine Worte irr. Die Pfeile des Allmächtigen stecken in mir, mein Geist hat ihr Gift getrunken, Gottes Schrecken stellen sich gegen mich“ (Ijob 6). „Ich bin hingeschüttet wie Wasser, gelöst haben sich all meine Glieder. Mein Herz ist in meinem Leib wie Wachs zerflossen. Meine Kehle ist trocken wie eine Scherbe, die Zunge klebt mir am Gaumen, du legst mich in den Staub des Todes“ (Psalm 22).

Die Begegnung mit schwerer Krankheit und Todesängsten ist eine individuelle, aber auch eine gesellschaftliche Herausforderung. Die Todesschatten lassen sich nicht in Intensivstationen einkapseln. Sie sind in jeder und jedem von uns und kommen auf uns zu. Wie sieht der Todesraum aus? Was hat er mir zu sagen?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.07.2010)

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