Entfaltungsfreiheit: Die Last einer schweren Verantwortung

Die Welt ist dem Menschen zu Füßen gelegt. Hat sich Gott bei der Schöpfung mit seinem vertrauensvollen Herrschaftsauftrag geirrt?

BIMAIL

Das Zuckerhütl, der höchste Gipfel der Stubaier Alpen, erhielt seinen Namen aufgrund seiner charakteristischen Form: einer runden, den Sulzenauferner überragenden Eiskuppe. Vor einigen Jahren begann es seine besondere Gestalt zu verlieren. Von der südöstlichen Flanke her apert der scharfe schwarze Felsgrat aus. Und in die imposante, sich würdevoll und weithin sichtbar wölbende Zunge des Sulzenauferners hat sich ein braunes Loch gefressen, das sie zunehmend zerteilt.

Bergsteiger, die durch trostlose Moränenwüsten wandern, wo sich noch vor wenigen Jahrzehnten Eisberge türmten, unter deren Händen sich tonnenschwere Felsblöcke aus dem schmelzenden Permafrost lösen, erfahren auf erschreckende Weise, was in unseren Tagen an den Polarkappen noch viel bedrohlicher geschieht. Immer neue, sich in die Eislandschaften fressende Risse spalten Eisberge ab, die, mächtiger als alle Gletscher der Alpen, in die Ozeane treiben und das Untergangsszenario der großen Flut in greifbare Nähe rücken.

Freilich, wir können das Weltklima noch nicht durch mathematische Modelle oder physikalische Messungen erklären. Und doch sind wir wie nie zuvor damit konfrontiert, dass menschliche Aktivitäten zu Katastrophen führen können, die den globalen Lebensraum betreffen.

Ist es der göttliche Auftrag der biblischen Schöpfungserzählung, „seid fruchtbar, und vermehrt euch, bevölkert die Erde, und macht sie euch untertan“, der die Menschheit zum zerstörungswütigen, weltweit um sich greifenden Krebsgeschwür hat verkommen lassen, wie dies Religionskritiker behaupten? Eines scheint gewiss: Die Schöpfungserzählung nahm in einer Zeit, da sich Menschen noch als hilflose, den bedrohlichen Mächten der Natur ausgelieferte Zwerge empfanden, die menschliche Fähigkeit zur globalen Verantwortung in visionärer Weise vorweg. Gott, der das Universum in seiner Vielfalt und seiner Ordnung ins Dasein gerufen hatte, berief den Menschen in seiner ersten Stunde zur allumfassenden Verantwortung.

Gott hatte die ganze Erde als Raum der menschlichen Entfaltungsfreiheit gestaltet. Was könnte dieser jahrtausendealte Text heutigen Menschen sagen? Vielleicht, dass uns mit der königlichen Würde und Herrschaft auch die Verantwortung mitgegeben ist, die Erde in ihrer Vielfalt und Ordnung zu bewahren, da sie in den Augen Gottes „gut“ und sogar „sehr gut“ erschaffen ist. Die enorme Entfaltungsfreiheit, die dem menschlichen Geist gegeben ist, muss sich dieser schweren Verantwortung stellen und alle Kreativität dafür einsetzen.

Hat sich Gott bei der Schöpfung mit seinem vertrauensvollen Herrschaftsauftrag geirrt? Wäre er nicht besser beraten gewesen, wie paternalistische Machthaber junge Begabte im Namen der eigenen Verantwortung zurückzudrängen?

Jesus, der allzu begabte Liebling des Volkes, erlebte diese menschliche Sorge seiner führenden Landsleute und behielt dennoch unaufhaltsame innere Freiheit und Handlungsspielraum, da er sich des zuversichtlichen Auftrags Gottes bewusst war. Wo erlebe ich meine Entfaltungsfreiheit? Wie kann ich sie für die Welt verantwortlich einsetzen?

Bimail steht für Bibelmail, ein wöchentliches Rundschreiben des Teams um Pater Georg Sporschill, adressiert an Führungskräfte. Darin werden Lehren aus der Bibel auf das Leben von heute umgelegt.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.10.2010)

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