Wirklich eine Drohung?

Wenn es eine menschliche Melange gäbe zwischen Zyniker und Grantler – Karl Kraus wäre ein Inbegriff dafür.

Ich stimme dem Urteil zu, das er – welch ewige Wahrheit! – über unsere Stadt gefällt hat: Wien bleibt Wien, und das sei eine gefährliche Drohung.

Dass im dritten Jahrtausend die beinahe tägliche Probe aufs Exempel gestattet ist, konnte er freilich nicht ahnen. Dass die City zum Disneyland wird, hat er noch nicht gewusst. Dass, wenngleich scherzhaft, ein Tourist sogar fragte, wann die Innenstadt am Abend geschlossen werde, ist ihm wahrscheinlich in seinen kühnsten Träumen nicht vorgeschwebt.

„Der Rathausplatz ist derzeit der größte Schanigarten der Welt“, las ich kürzlich in einer Gratiszeitung für den 1. Bezirk, die, so scheint mir, zumindest teilweise von der Kommune gesponsert wird. Deren Werbeslogan stimmt offenbar: Wien ist wirklich anders.


Können Sie sich etwa vorstellen, dass in Paris die Rue de Rivoli eine Woche lang gesperrt wird, weil ein Johann-Strauß-Epigone aufspielt? Dass dort Buslinien sieben Tage lang teilweise eingestellt werden und ein „Bratlgeiger“ André Rieu sogar Verkehrsschilder umsägen lässt? Aber in Wien hat er auf dem „allerschönsten Konzertplatz, den man sich vorstellen kann“, dem Michaelerplatz, konzertieren dürfen, wie mit Befriedigung festgestellt wurde – nicht von den Einwohnern, versteht sich. Am 11. August werden sie im TV sehen, ob es sich ausgezahlt hat.

Können Sie sich zudem vorstellen, dass zur Planung der Fußball-EM allen Ernstes gehört, nicht nur das Burgtheater, dieses Äquivalent der „Comédie française“, zeitweilig zu Gunsten der Fan-Meile zu sperren, sondern aus gutem Grund nachher auch die oberste Erdschicht des Rathausparks abzutragen, weil man schon heute weiß, dass es zu wenig transportable Toiletten geben wird? Es gibt sogar die Schnapsidee einer permanenten, teilweisen Ring-Sperre.

Event, Event – Geschmack, der brennt. Aber wir tun alles für unsere ausländischen Besucher, auch wenn sie halbnackt durch Nobelstraßen flanieren (gibt es sie noch?). Und der Rummelplatz, zu dem das Herz der Stadt degenerierte, ist täglich geöffnet. Rund um die Uhr. Leider muss ich immer häufiger an Karl Kraus denken. Wien bleibt Wien. Schade!


Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.


chorherr@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2007)

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