Das Lehmann sperrt – ein Wiener Drama

Eine Konditorei sperrt zu. Schwanengesang zum Abschied: Die gierigen Hausbesitzer sind schuld.

Es ist ein Wiener Reflex: Das sichere Ende vor Augen wird die Liebe groß. So geschehen beim Aus für den englischsprachigen Radiosender Blue Danube Radio, für liebenswerte Kaffeehäuser, Heurige und Unternehmen, die Wiener knapp vor ihrem Dahinscheiden zur Institution erheben. Heute, Dienstag, sperrt wieder eine zu, das Ende des Café Lehmann am Wiener Graben wird allerorts – zuletzt von Marlene Streeruwitz im „Spectrum“ – beklagt. Ein Stück Wien scheidet da dahin, schon bald kränkt nur noch ein anonymes Geschäft eines ebensolchen globalen Konzerns die Erinnerung daran.

Ganz abgesehen davon, dass das Lehman im Gegensatz zum Korb und dem Bräunerhof nicht gerade zur ersten Kaffeehaus-Garde zählte: Warum wird ein Hausbesitzer eigentlich als Schuft dargestellt, wenn er gerne die Miete hätte, die dem aktuellen Marktpreis entspricht und er einen Generationen-, also Eigentümerwechsel dazu genützt hätte, den alten, wenig lukrativen Vertrag entsprechend zu ändern? Was ihm gesetzlich zusteht. Ist er deswegen ein gieriger Spekulant? Eine Mini-Heuschrecke am Graben? Ein Zerstörer des Weltkulturerbes, den man enteignen müsste? Hoffentlich nicht, oder?

Nein, das ist unser wirtschaftliches System, in dem man nebenbei einiges bewirken kann. Wenn die Konditorei so wichtig ist, könnten seine Anhänger doch mehr für die Torte zahlen, um das Überleben zu sichern. Und eine derart zentrale Institution könnte die Stadt doch als Kulturdenkmal fördern? Das von Hauseigentümern zu verlangen, wirkt leicht von gestern, um es vorsichtig zu formulieren.


rainer.nowak@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2008)

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