Die Steuern und der Griff zur Flasche

Die Wirtschaft stagniert, die Steuern explodieren.

Geht's der Wirtschaft gut, geht's dem Finanzminister gut. Ist doch einleuchtend, oder? Wenn die Gewinne sprudeln und die Löhne geradezu explodieren, steigen ja schließlich auch die Steuern in entsprechendem Ausmaß, lehrt uns das Lehrbuch.

So, und jetzt nehmen Sie einmal an, Sie wären nach Monaten ohne Nachricht über Österreich gestern wieder ins Land zurückgekehrt und als Erstes wäre Ihnen die jüngste Aussendung der Parlamentskorrespondenz über den Budgetvollzug 2014 in die Hände gefallen. Dort hätten Sie Folgendes gelesen: Die Lohnsteuereinnahmen des Bundes sind in den ersten neun Monaten dieses Jahres um 5,7 Prozent gestiegen, die am Unternehmensgewinn bemessene Körperschaftsteuer um 8,2 Prozent. Die veranlagte Einkommensteuer hat um 16,4 Prozent zugelegt, und die Kapitalertragsteuern sind um 14,8 Prozent gewachsen.

Wow, hätten Sie wahrscheinlich gedacht: Die Wirtschaft brummt hier, dagegen ist China ja die reinste Lahmenveranstaltung. Und die Leute werden offenbar mit Lohnerhöhungen ohne Ende zugeschüttet. Ein Wirtschaftswunder der Sonderklasse.

Die rauhe Wirklichkeit ist aber leider, wie wir wissen, doch um ein schönes Stück trister: Wir schrammen gerade an der Rezession entlang, die Arbeitslosigkeit steigt in Rekordhöhen, der Konsum schwächelt, weil die Menschen im Land seit fünf Jahren in Folge reale Lohneinbußen erleiden. Das sieht weniger nach Wirtschaftswunder, vielmehr nach dem akuten Bedarf an einer wirklich saftigen Reform des aus dem Lot geratenen Steuersystems aus.

Übrigens: Die Alkoholsteuer hat um 49,6 Prozent zugelegt. Das wird wohl daran liegen, dass viele Steuerzahler offenbar den Blick auf Lohnzettel und Steuerbescheid ohne Griff zur Flasche nicht mehr ertragen.

josef.urschitz@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2014)

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