Hass statt Honig für Wiener Neujahrsbaby Asel

Asel ist 51 Zentimeter groß und 3460 Gramm schwer, ihre Mutter trägt ein Kopftuch. Das reicht für Schimpf und Schande im Internet. Seit Mittwochabend regnet es aber auch Blumen als Zeichen der Solidarität. Beobachtungen zum ersten Shitstorm im noch jungen Jahr.

ihrer Tochter Asel mit dem Team der Rudolfstiftung Ivone Saric-Milinic und Diplomkrankenschwester Bettina Glaser.
ihrer Tochter Asel mit dem Team der Rudolfstiftung Ivone Saric-Milinic und Diplomkrankenschwester Bettina Glaser.
Naime und Alper Tamgac mit ihrer Tochter Asel mit dem Team der Rudolfstiftung Ivone Saric-Milinic und Diplomkrankenschwester Bettina Glaser. – KAV/Votava

Zuerst hält man es für einen völlig abseitigen Scherz. Ein Baby, nur ein paar Stunden alt, soll Zielscheibe menschenverachtender, rassistischer Hassposter geworden sein? Ein kurzer Blick ins Netz verrät: Leider nein. Kein Witz. Das neue Jahr ist erst drei Tage alt und zeigt sich im Internet schon mal von seiner besonders unangenehmen Seite. Denn wirklich, das Wiener Neujahrsbaby sorgt in Internetforen und sozialen Netzwerken für Diskussionen und beschämende Beschimpfungen, weshalb das ein oder andere Boulevardmedium bereits die Kommentarfunktion für den Artikel zum Thema deaktiviert hat.

Worum geht es?

In der Nacht auf Montag kommt in der Wiener Rudolfstiftung 47 Minuten nach Mitternacht ein Mädchen zur Welt. Es ist 51 Zentimeter groß, 3460 Gramm schwer und vor allem - rundum gesund. Seine Eltern Naime und Alper Tamgac nennen ihre Neugeborene Asel; ein Name mit einer süßen Bedeutung, er hat arabischen Ursprung und lässt sich mit "Honig" oder "Honigfluss" übersetzen. Die junge Familie wird später gemeinsam mit dem Geburtshilfeteam der Rudolfstiftung, der Stationsärztin Ivone Saric-Milinic und der Diplomkrankenschwester Bettina Glaser vom Spitals-Fotografen abgelichtet. Denn Asel ist zwar schon Kind Nummer Sieben, das in dieser Neujahrsnacht in Österreich zur Welt kommt, aber trotzdem noch das "Wiener Neujahrsbaby 2018". Ein Titel, der übrigens weder dem Baby noch seinen Eltern noch dem Krankenhaus irgendetwas bringt, außer im Normalfall ein paar gemurmelte "Jö-Schau's". Und eine knappe Aussendung von Presse- und Informationsdienst der Stadt Wien und  Wiener Krankenanstaltenverbund am frühen Nachmittag des Neujahrstages. Die Bekanntgabe der Neujahrsbabys (meist eines pro Bundesland) hat Tradition und wird von manchen Redaktionen am Feiertag freudig erwartet und verarbeitet. Zu einer langen Meldung gar, zumindest aber zu einer Kurznotiz. Danke, erledigt. Nächstes Thema.

Freude "nur über ein österreichisches Baby"

Zu einer Meldung wird das Wiener Neujahrsbaby auch in den Onlineausgaben von "Heute" und "Österreich". Aber dort erregt das Foto der Familie Tamgac die Gemüter diesmal außergewöhnlich stark. Weil Mutter Naime ein Kopftuch trägt und die Namen der Familie für manche ungewöhnlich klingen. Da schreiben also Menschen ins Netz, dass sie sich "als echter Wiener logischerweise nur über ein österreichisches Baby freuen, "denn wir sind in Wien sowieso nicht mehr viele". Oder: "Nächster Terrorist geboren". Oder: "Auch 2018 sind Mehmet und fatma nicht erwünscht. Das ändert nichts an der Jahreszahl." (sic!) Ein anderer dichtet orthografisch fragwürdig: "Bald können sie zu Hause Kinder griegen der Krieg ist aus und der Kickl schickt sie nach Haus." Wer genau liest, findet auch unter den vielen rassistischen Bemerkungen und den beschämenden Namenswitzen - aus Asel machen einige "Assel" - freudige und positive Kommentare, in denen den Eltern gratuliert wird. So manche Poster können ihr Entsetzen über die Menschenverachtung, die sich hier offenbart, nicht verbergen. Das Team der Nachrichtenseite von ORF.at kann jetzt froh sein, dass dem ORF derzeit nicht erlaubt ist, unter allen Artikeln Foren zu betreiben. Die Forenwächter hätten vermutlich viel zu tun. 

Einige der Kommentare hat die Organisation Netpeace gesammelt und auf Facebook gestellt. Netpeace engagiert sich gegen Hass im Netz. 

Dass sich der Hass diesmal so besonders stark deutlich macht, hat wohl mehrere Gründe. Erstens: Die akute Flüchtlingskrise ist vorbei, das Leid jener Menschen, die aus Kriegs- und Krisengebieten kommen, ist immer weniger sichtbar, vor allem für jene, die nicht hinsehen wollen. Dass es sich hier offenbar um eine Familie mit türkischen Wurzeln handelt, von der nichts bekannt ist außer ihr Name, ist der Mehrheit der Poster egal. 

Zweitens surfen die Boulevardmedien auf der Hass-Welle mit. "Österreich" berichtet fast im Stundentakt von der "Hetze gegen das Neujahrsbaby". Und "heute.at" fragte zwar nach wenigen Stunden in einem eigenen Text, offenbar auch von der Härte der Kommentare auf ihrer Seite überrascht: "Woher kommt eigentlich der ganze Hass im Netz?" und interviewte einen Social-Media-Experten aus Zürich zum Umgang mit Beleidigungen und Rassismus im Netz. Dass aber auch die wiederkehrende Berichterstattung des Mediums über Migranten und Flüchtlinge zur Stimmungsbildung im Land beiträgt, blendete die Zeitung aus. "Heute" blockierte immerhin die Postingfunktion unter dem Artikel und richtete durchaus scharfe Worte an seine Leser auf Facebook: "Liebe Facebook-Freunde, schön, dass so viele von euch sich mit jungen Eltern über ihr Neugeborenes freuen können. So soll es sein. Für alle anderen gilt: REISST EUCH MAL ZUSAMMEN! Es geht um ein kleines Baby, das noch nicht einmal einen ganzen Tag auf der Welt ist." 

Drittens hat vielleicht auch die extrem rechte, fremdenfeindliche Nachrichtenseite unzensuriert.at dazu beigetragen, dass die Nationalität des Wiener Neujahrsbabys so zum Thema werden konnte. Dienstagfrüh erschien dort ein Text, der feststellte, dass "fast ausschließlich moslemische Migranten zu Silvester um Mitternacht oder kurz davor oder danach Kinder auf die Welt brachten". Das habe sich auch heuer wieder in diversen Städten in Deutschland, Österreich und der Schweiz gezeigt. Aufgezählt wurden dann die Neujahrsbabys aus Eppenheim, Duisburg, Bozen, Bochum und Wien. Es seien alles Kinder von Migranten aus der Türkei, Marokko oder Flüchtlingen aus Syrien. 

Dafür gab es auf unzensuriert.at Lob für das österreichweite Neujahrsbaby aus Leoben, ein Kind österreichischer Eltern namens Julia. "Eine echte Rarität", so der Autor des Textes. 

Dabei könnte man sich auch die Mühe machen und ergründen, wieso sich gerade bei den Neujahrsbabys ein hoher Anteil an Kindern aus Familien mit Migrationshintergrund zeigt. Denn vielleicht hat das auch damit zu tun, dass in dieser Geburtenhitliste meist nur Neugeborene in öffentlichen Krankenhäusern aufscheinen. Oder damit, dass wohlhabendere Privatpatienten generell wenig von diesem kurzen Baby-Fame halten und daher gar nicht in die Öffentlichkeit drängen. 

Caritas-Generalsektretär ruft zu #Flowerrain auf

Update: Mittlerweile regt sich die Zivilgesellschaft und will der Welle an Hass etwas entgegen setzen. Caritas-Generalssekretär Klaus Schwertner hat am Mittwochabend die Idee zu einem digitalen #Flowerrain auf seiner Facebook-Seite geboren. Er forderte die Menschen dazu auf, den vielen Hasskommentaren zum Neujahrsbaby Asel mit fröhlichen, liebevollen Kommentaren zu kontern. Die Kommentare werde er dann sammeln, ausdrucken und den Eltern übergeben. Seit Mittwochabend hat sein Posting fast 21.000 Likes, 18.400 Kommentare und wurde fast 10.000 Mal geteilt. 

Die Tageszeitung "Heute" berichtet am Donnerstagvormittag zuerst davon, dass es bereits zahlreiche Anzeigen gegen diverse Hassposter gibt. So prüfen etwa Juristen bei der Beratungsstelle #GegenHassimNetz, "etliche Postings" auf den Verdacht des Verstoßes gegen den Verhetzungsparagraphen (§283 Strafgesetzbuch). Auch einige andere Vereine sammeln strafrechtlich relevante Postings. 

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