Es ist Zeit, nicht mehr auf Osteuropa herabzublicken

Morgenglosse Die östlichen EU-Mitgliedsländer erleben gerade ihren zweiten Boom. Ein guter Zeitpunkt, um ihnen endlich auf Augenhöhe zu begegnen.

Als es vor gut zehn Jahren zum ersten Osteuropa-Boom kam, interessierten sich plötzlich auch viele Investoren aus den USA erstmals für diese Region. Wie sie das taten, sorgte hierzulande mitunter für Ärger. Denn die Fonds und Banken zählten in ihren Analysen häufig auch Österreich zu Osteuropa. Aus New Yorker Sicht verständlich. Schließlich waren (und sind immer noch) viele Osteuropa-Zentralen in Wien beheimatet und die Bundeshauptstadt liegt östlicher als Prag, Laibach oder Zagreb. Dennoch wurde die Zuordnung nach Osteuropa als Beleidigung aufgefasst.

Heute kommt es gerade zum zweiten Osteuropa-Boom. Erstmals seit 2007 wächst die Wirtschaft in jedem Land der Region – und das in der Regel stärker als im Westen. Und nun sind es Tschechien, die Slowakei oder auch Polen, die darauf pochen, nicht mehr der Osten des Kontinents zu sein. Man liege in Zentraleuropa, so der allgemeine Tenor von Warschau bis Budapest.

Das "etwas schlechtere Europa"

Was auf den ersten Blick als semantische Spitzfindigkeit über geografische Gegebenheiten aussieht, hat einen durchaus berechtigten Hintergrund. So steht Osteuropa bei vielen Menschen im Westen immer noch synonym für ein „etwas schlechteres Europa“. Für eine Region, wo die Menschen arm und irgendwie auch nicht so fleißig sind. Ein Vorurteil, das von den aktuellen Wirtschaftsdaten Lügen gestraft wird. So haben sich die östlichen EU-Mitgliedsstaaten nicht nur aus ihrer Krise wieder hochgerappelt. Mit Tschechien, Ungarn, Polen und sogar Rumänien (!) haben vier davon inzwischen sogar eine niedrigere Arbeitslosigkeit als Österreich.

Natürlich ist der wirtschaftliche Aufholprozess in vielen Bereichen noch nicht abgeschlossen. Natürlich haben auch die EU-Transferleistungen zu dem Boom beigetragen. Und natürlich senkt auch die Abwanderung Richtung Westen automatisch die Arbeitslosigkeit vielerorts. Dennoch ist es knapp 30 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhanges angebracht, die einstige Teilung Europas auch in den Köpfen zu beenden und Menschen aus den östlichen EU-Mitgliedsländern nicht mehr als Europäer zweiter Klasse zu sehen.

Denn nur wenn man Ihnen auf Augenhöhe begegnet, wird auch die vielfach berechtigte Kritik des Westens durchkommen: an der mangelnden Solidarität in der Flüchtlingsfrage. An der de facto Ausschaltung einer freien Justiz in Polen. An den mafiösen Verstrickungen der Politik in der Slowakei. Oder an den grundsätzlichen autoritären Entwicklungen in Ungarn.

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