Ächtung der Todesstrafe

Die Ächtung der Todesstrafe ist nun katholische Linie. Was uns diese (späte) Entscheidung des päpstlichen Lehramts lehrt.

Christentum, Islam und Judentum haben weit mehr gemeinsam, als auf den ersten Blick vermutet. Klar, sie beziehen sich alle auf Stammvater Abraham, sind monotheistisch, wenn auch Muslime und Juden mit der christlichen Trinitätslehre von der Dreifaltigkeit Gottes ihre Probleme haben. Wie übrigens auch manche Christen, aber das führt zu weit.

Schwierigkeiten haben oder hatten – allgemeingültig lässt sich das nicht wirklich sagen – die drei Buchreligionen auch mit der Evolutionstheorie. Evolution und Glaube werden manchmal noch immer als Gegensatz verstanden. Das muss nicht sein, wie auch Papst Johannes Paul II. vor mehr als zwei Jahrzehnten festgestellt hat.

Sein Nach-Nachfolger Franziskus hat vor Kurzem sogar bewiesen, dass auch ein vermeintlich über die Jahrtausende verfestigter, um nicht zu sagen versteinerter Korpus wie die katholische Kirche durchaus selbst für Evolution offen ist. Denn er hat mit einem öffentlich nicht übermäßig gewürdigten Federstrich eine bedeutende Änderung des offiziellen Katechismus der Weltkirche vornehmen lassen, der vom heutigen Wiener Kardinal Christoph Schönborn mitredigiert wurde. Die Todesstrafe wird nun auch von der katholischen Kirche geächtet. Dies gilt grundsätzlich und in allen Fällen.

Der Schritt erfolgt spät, aber der Fairness halber darf nicht unerwähnt bleiben, dass schon vorher unter Johannes Paul II. und Benedikt XVI. die Todesstrafe lediglich unter sehr eng definierten Umständen erlaubt war. Identität und Verantwortung des Schuldigen mussten „mit ganzer Sicherheit feststehen“, die Todesstrafe musste der „einzig gangbare Weg“ sein, „das Leben von Menschen wirksam gegen einen ungerechten Angreifer zu verteidigen“. Nun hat Franziskus die Todesstrafe generell als „unzulässig“ bezeichnet und der Kirche verordnet, sich mit Entschiedenheit für die Abschaffung in der ganzen Welt einzusetzen. Begründet wird dies mit der Unantastbarkeit der Würde der Person, die auch für Schwerstverbrecher nicht verloren gehe.

Der letzte Schritt von Franziskus bei der Todesstrafe zeigt – nicht zum ersten Mal, aber diesfalls vielleicht besonders deutlich –, dass sich die katholische Kirche im Lauf der Zeit natürlich, ohne die Grundbotschaft aufzugeben, in ihrer irdischen Erscheinungsform und in ihrer Lehre immer wieder gewandelt hat. Das kann, wenn man will, als Evolution bezeichnet werden.

Die endet im Gegensatz zur Revolution meist weniger abrupt und zeitigt auch nachhaltigere Ergebnisse. Evolution findet also auch im religiösen Bereich statt. Für das Christentum trifft das evidenterweise zu. Gleichfalls evidenterweise besteht allerdings für die eine oder andere Religionsgemeinschaft diesbezüglich noch ein mehr oder weniger großer Nachholbedarf. Wer würde dabei nicht an den Islam denken?

dietmar.neuwirth@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2018)

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