Kardinal McCarrick und der Papst: Vom Bösen in der heiligen Kirche

Franziskus sieht sich mit Rufen nach seinem Rücktritt konfrontiert. Dem sollte er nicht folgen, aber doch aufklären.

Nun, da ein entfernter Schatten der Missbrauchsskandale auf den Papst fällt, widert mich nichts so an wie dieses Thema. Ich will aber auch nicht als feiges Schäfchen gelten.

Viele Leser werden nicht wissen, wovon ich spreche, da unsere lieben linksliberalen Journalisten die Berichterstattung klein halten. Sie glauben wohl, Franziskus wäre ihr Mann und sie müssten ihn schützen. Daher zur Erinnerung: Carlo Maria Viganò, der frühere Nuntius in den USA, beschuldigt Papst Franziskus in einem Brandbrief, er habe ihn 2013 persönlich über den Missbrauch informiert, den der emeritierte US-Kardinal McCarrick über Jahrzehnte begangen hat. Franziskus habe McCarrick dennoch gewähren lassen. Ein Dementi aus dem Vatikan steht bisher aus.

McCarricks Vergehen waren ganz ähnlicher Natur wie die des Wiener Kardinals Groër. Verschieden war nur ihr Leben nach der Emeritierung: Groër harrte in Schande und Einsamkeit des Todes, McCarrick reiste für den Vatikan um die Welt und teilte sein Bett mit Priesterseminaristen. Groër war ein Traditionalist, McCarrick ist ein Progressiver. Das Beispiel zeigt, wie sinnlos eine Aufrechnung der priesterlichen Sexverbrechen nach politischen Flügeln wäre: Es sind sowohl Traditionalisten als auch Progressive, die Verbrechen an Heranwachsenden begangen und die Kirche, den mystischen Leib Christi, geschändet haben.

Johannes Paul II., den ich für die größte Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts halte, unterschätzte das Problem sträflich, Benedikt XVI. ging entschieden gegen Kinderschänder vor. Nicht dementiert ist bisher auch Viganòs Behauptung, Benedikt habe McCarrick 2009/10 zu Rückzug und Buße verdonnert, was jener aber ignoriert habe. Franziskus wiederum, der selbst eine „Homo-Lobby“ im Vatikan sah, scheint nicht gegen Homo-Lobbys in Übersee vorgegangen zu sein. „Es ist alles Verleumdung“, sagte er heuer in Chile über die bischöfliche Deckung eines pädophilen Priesterausbildners. Nach einem Aufschrei der Opfer entschuldigte sich Franziskus für seine „schweren Irrtümer“.

Der Heilige Vater sieht die Schuld am Missbrauch im „Klerikalismus“. Das mag für die Vergangenheit einiger Länder stimmen, auf die Gegenwart im Westen trifft es nicht mehr zu. Katholische Internate und enge kirchliche Milieus haben sich aufgelöst. Die Kirche hat keinen Nachwuchs, ohne Kleriker kein Klerikalismus. Ich würde die Aufmerksamkeit eher auf das auffällige Faktum richten, dass Missbrauch durch pädophile Priester vorwiegend in reichen entwickelten Ländern vorgekommen ist. Aus Osteuropa und Afrika hört man dergleichen fast nie. Dazu ein ketzerischer Gedanke: Was, wenn diese bösen Priester nicht so sehr vom schummrigen Zwielicht des Mittelalters verdorben wurden, sondern vom sexbesessenen Zeitgeist der Nachkriegszeit?

Viganò hat den Papst auch zum Rücktritt aufgefordert. Ich habe Franziskus wahnsinnig gern. Was ihm Neoliberale vorwerfen, halte ich genau für seine größte Stärke: Erst als er die „Sklaverei“ in den Textilfabriken von Bangladesch anklagte, besserte sich das Los der Näherinnen. Er ist halt auch ein Sponti, dass er flapsig sein kann, verwirrt Freund und Feind. Franziskus muss natürlich nicht zurücktreten. Immerhin entzog er McCarrick im Juli die Kardinalswürde, so etwas war zuletzt 1927 vorgekommen. Es würde der Kirche helfen, wenn er die Sache aufklärt. Und sich nötigenfalls entschuldigt.

Martin Leidenfrost, Autor und Europa-Reporter, lebt und arbeitet mit Familie im Burgenland.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2018)

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