Das hätte Benedikt auch geschafft

Mit einer konventionellen Rede, die konkrete Maßnahmen, Selbstverpflichtungen und Sanktionen weitgehend aussparte, hat Papst Franziskus am Sonntag den Missbrauchsgipfel im Vatikan beendet.

Ein Befreiungsschlag in einer für die katholische Kirche überaus heiklen Situation war das nicht.

Ja, der Papst hat recht. Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche begegnet uns als weitverbreitetes gesellschaftliches Phänomen. Ja, der Papst hat recht, in der überwiegenden Zahl kommen die Täter aus dem engeren oder engsten familiären Umfeld der Opfer. Ja, der Papst hat wieder recht, wenn er darauf hinweist, dass Kinder in früheren Zeiten bei heidnischen Riten geopfert wurden. Nur: Dass Papst Franziskus das alles anführt, mit dem Finger zuerst in diese und jene Richtung zeigt, bevor er Gewalt in seiner Kirche anspricht und -prangert, kann wie eine Minimierung oder Relativierung der Taten anmuten. Trotz gegenteiliger Beteuerungen.

So konkret die Vorwürfe gegen die Gesellschaft sind, so unkonkret und dünn sind Vorschläge, wie Missbrauch in der katholischen Kirche aufgearbeitet und verhindert werden soll. Hehre, im Grunde völlig selbstverständliche Absichtserklärungen sind es – mehr ist beim besten Willen aus den Worten des Papstes nicht herauszulesen. Auch von Pater Federico Lombardi, dem Moderator des Gipfels, später nachgereichte, eher vage Pläne über Maßnahmen zeigen, wie unerträglich langsam im Vatikan die Uhren ticken.

Die Rede von Papst Franziskus enttäuscht also auf eine so nicht erwartete Art. Franziskus scheint gefesselt. Entweder durch die Macht der vatikanischen Kurie, die ein Einbekenntnis des Versagens nicht verkraften kann, durch nur scheinbar unveränderbare Strukturen, oder durch eigene Fantasie- und Mutlosigkeit. Das Thema Missbrauch ist nicht erledigt. Eine Rede wie diese, nur feiner geschliffen und theologisch gründlicher fundiert, hätte auch ein Papst Benedikt hingelegt.

E-Mail: dietmar.neuwirth@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.02.2019)

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