Glaubensfrage: Die geheime Agenda des Frühjahrstreffens

Die geheime Agenda des Montag startenden Frühjahrstreffens der Bischöfe. Ein Tagtraum.

Reichenau an der Rax ist ein nostalgisch angehauchter Kurort. Hierher ziehen sich am Montag die Österreich-Spitzen der schwer kränkelnden katholischen Kirche zurück. Die Bischöfe treffen einander natürlich nicht zur kollektiven Kur, sondern zur Frühjahrsversammlung. Die wird diesmal von der Militärdiözese im vom Bundesheer verwalteten Schloss Rothschild ausgerichtet. Die Tagesordnung der Versammlung ist wie üblich geheim. Oder doch nicht? Die Agenda des Treffens. Ein Tagtraum.

1. Alle Maßnahmen zu Aufklärung und Verhinderung sexueller Gewalt durch Angestellte der Kirche werden evaluiert. Es wird ein Bericht beauftragt, der bis spätestens Palmsonntag zu veröffentlichen ist.

2. Ein Hirtenbrief, der sich dem Thema widmet, ist vor Beginn der Karwoche in allen Kirchen zu verlesen. Bei dessen Abfassung ist zu prüfen, welche Expertise – deren Einholen jedenfalls verpflichtend vorzusehen ist – von Laien eingeholt wird.

3. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz wird ermächtigt, sich an der vatikanischen Kurie für eine Abschaffung des secretum pontificium (päpstliches Geheimnis) bei Missbrauchsfällen auszusprechen.

4. Spätestens 2020 werden in ganz Österreich (insbesondere nach dem Vorbild Kardinal Franz Königs 1969–1971) an einem zu bestimmenden Termin, im besten Fall zu Pfingsten, Diözesansynoden begonnen. Zur Abstimmung gelangen die Titel: „Seht, ich mache alles neu“ (Offb 21,5a) und „Aufbruch, aber jetzt wirklich“. Zur Abstimmung gelangt, ob stattdessen zwei bundesländerübergreifende Provinzialsynoden für die beiden Kirchenprovinzen Wien und Salzburg abgehalten werden. Zur Abstimmung gelangt, ob das Abhalten einer von allen Diözesen zu beschickenden gesamtösterreichischen Synode kirchenrechtlich geprüft und gegebenenfalls ein Gesuch um eine Sondergenehmigung der vatikanischen Kurie eingebracht werden soll.

5. In Kenntnis um den Beschluss einer Frauenquote für leitende kirchliche Mitarbeiter, den die deutschen Mitbrüder soeben gefasst haben, sind Maßnahmen für alle österreichischen Diözesen zu prüfen, um weibliche Mitarbeiter zu fördern.

6. In Statuten der Spitzengremien aller Diözesen, insbesondere den Bischofsräten, ist sicherzustellen, dass ein zu definierender, zunächst jedenfalls über 33 Prozent liegender Frauenanteil vorgesehen ist.

7. In Kenntnis um die Ankündigung unserer deutschen Mitbrüder, den Zölibat zur Diskussion zu stellen, beteiligen wir uns daran.

8. Mitbruder Alois Schwarz wird bis Vorliegen eines Entscheids der Justiz und der Schlüsse, die die Kongregation für die Bischöfe aus der soeben beendeten Apostolischen Visitation zieht, von der Leitung der Finanzkommission der Bischofskonferenz sowie des Referats Wirtschaft temporär entpflichtet.

9. Alle hierorts zu behandelnden Angelegenheiten, die von den Punkten 1 bis 8 abweichen, werden per Umlaufbeschluss einer Erledigung zugeführt.

dietmar.neuwirth@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2019)

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