Papst Franziskus als wankelmütiger Hirte

GlaubensfrageZuerst befeuert er Erwartungen, dann zuckt er wieder zurück. Welchen Weg der Kirche will er?

Schon genug vom Muttertag? Selbst zwangsweise urteilsflinke Menschen wie Kolumnisten stellen sich die Frage, ob sie einen Tag wie diesen vorbeiziehen lassen sollen. Natürlich, die aus der Vergangenheit tönende Rede von der Mutter Kirche böte einen Anknüpfungsknoten. Oder die Gottesmutter Maria.

Zuletzt hat Papst Franziskus auf ein längst im Orkus der Vergessenheit geglaubtes anderes Bild zurückgegriffen, das der Kirche als Braut Christi.

Wir sehen, Päpste, Kirchenväter und andere Männer verharren, was die Rolle der Frau betrifft, in einem engen Kanon. Doch zurück zu Papst Franziskus, der sieht die Braut Christi, wie er sich einmal ausdrückte, „in flagranti beim Ehebruch erwischt“. Wie bitte? Bezogen hat sich der Bischof von Rom bei einem Bußgottesdienst für Priester seiner Diözese auf die weltweit Aberhunderten Missbrauchsfälle. Vergewaltigung von Kindern und Ehebruch – nicht alles was hinkt, ist ein gelungener Vergleich.

Nicht vollständig gelungen ist dem Papst auch das jüngste, reichlich späte Dekretieren neuer, klarerer Regeln für den Umgang mit Priestern, egal welchen Ranges, die in Verdacht stehen, nicht Heilende gewesen zu sein, sondern Verletzende, Täter. Im Grunde genommen müssten die nach dem ersten gehäuften Auftauchen derartiger Fälle seit Jahren selbstverständlich sein (wie teilweise in Österreich vorexerziert). Zwar schreibt der Vatikan für das Vorverfahren der jeweiligen Kirchenprovinz eine Maximaldauer von 90 Tagen vor. Nur: Sich selbst wollen die Vatikanbehörden für das eigentliche Verfahren nicht unter Zeitdruck setzen lassen. Und zum Etablieren einer echten Verwaltungsgerichtsbarkeit, die auch völlig unabhängig vom Missbrauch in anderen Fällen geboten wäre, hat man sich im Vatikan erst gar nicht durchringen können. Die Macht der Bischöfe soll dann doch nicht beschnitten werden.

Nicht und nicht durchringen konnte sich Papst Franziskus auch in einer anderen Frage. Soll es wie in der jungen Kirche – und seit Jahrzehnten sogar in der Orthodoxie – Diakoninnen geben? In der abgelaufenen Woche hat der Papst bekannt gegeben, dass die Kommission ihre Arbeit beendet hat. Sie sei aber zu keinem einheitlichen Schluss gekommen. Bis auf Weiteres bleibt also alles beim Alten.

In Kritik an (Wohlstands)Gesellschaft und Wirtschaft kann es dem Mann, der es liebt, sich vor den Mächtigen der Welt mit dem kleinstmöglichen Auto vorfahren zu lassen, nicht revolutionär genug sein. Ist der Papst gleichzeitig kirchenintern strukturkonservativ, obwohl er das Prinzip des Hörens auf Ortskirchen (für die Theologen unseres exklusiven Kreises: Synodalität) in Wort – vor allem – und Tat – deutlich weniger – hochhält. Könnte es sein, dass der Mann mit der höchsten Lehrautorität in der katholischen Kirche nicht recht weiß, wohin er sie führen will? Wir wissen es nicht. Aber vielleicht fällt das ja unter das neu definierte päpstliche Geheimnis.

dietmar.neuwirth@diepresse.com[PFX5E]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2019)

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