Ein Luftschloss am Rand der EU

Anstatt pragmatisch zu agieren, träumen die Osteuropäer von alter Größe.

Wenn es eine Lehre aus der traumatischen Geschichte des 20. Jahrhunderts gibt, die jeder Osteuropäer verinnerlicht haben sollte, dann ist es die folgende: Die Welt ist nicht fair. Während die Hauptopfer des Dritten Reichs an die Sowjets verhökert wurden, wurde der deutsche Aggressor mit Geldern aus dem Marshall-Plan aufgepäppelt und durfte, geschützt durch den Nuklearschirm der USA, wachsen und gedeihen.

Jenseits des Eisernen Vorhangs ging der Zweite Weltkrieg nicht 1945 zu Ende, sondern erst 1989. Die Osteuropäer ergriffen die sich bietende Gelegenheit mit beiden Händen: Sie modernisierten, schufen Wohlstand, knüpften Bande in den Westen und traten 2004 der EU bei. So weit, so gut.

Seit einigen Jahren kann man allerdings in Warschau, Budapest und anderorts eine merkwürdige Regression beobachten. Anstatt die Verbindungen zum europäischen Kern zu stärken, bleibt man lieber unter sich, macht der „alten“ EU Vorhaltungen und spielt die beleidigte Leberwurst. Viktor Orbán, Jarosław Kaczyński und Co. haben es sich in der Rolle des passiv-aggressiven Opfers bequem gemacht. Sie sehen sich als Heilbringer, fordern vom Westen Wiedergutmachung und träumen von alter Größe.

Während die Balten Weitblick und Pragmatismus beweisen und mit den Skandinaviern bei der informellen „neuen Hanse“ der Nordeuropäer mitmachen, bauen sich die Polen ein Luftschloss am Rand der EU. Sollte in Europa wieder ein geopolitischer Sturm aufkommen, wird sich dieses Schloss als zugig erweisen.

michael.laczynski@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.07.2019)

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