Trotzki und die Wiener Protzkis

Der Chef-Organisator der Russischen Revolution hat im August 1929 in der „Neuen Freien Presse" nette Beobachtungen über seine langjährigen Erfahrungen mit Sozialdemokraten in Wien geschildert.

Leo Trotzki kurz vor seiner Übersiedlung nach Wien 1907.
Leo Trotzki kurz vor seiner Übersiedlung nach Wien 1907.
Leo Trotzki kurz vor seiner Übersiedlung nach Wien 1907. – Polizei Sankt Petersburg

Heute, 20. August, ist's 79 Jahre her, dass ein sowjetischer Agent spanischer Herkunft dem marxistischen Revolutionär und Rote-Armee-Gründer Leo Trotzki in dessen Haus im Exil in Mexiko einen Eispickel in den Kopf rammte, worauf er Tags darauf verschied. Trotzki (*1879 als Lew Dawidowitsch Bronstein in der heutigen Ukraine) hatte sich mit Stalin überworfen, komplizierte Geschichte, aber typisch für Revolutionen halt.

Nun ist das Pizzicato ja normal kein Fanboy oder Fangirl von Kampfideologen, Sozialmechanikern, Denkbefehlern und Weltbildhauern. Aber Trotzki, der 1907 bis 1914 im Exil im schönen Wien lebte, hat im August 1929 in der „Neuen Freien Presse" nette Beobachtungen über seine Erfahrungen mit hiesigen Sozialdemokraten geschildert. (Wir können sie hier leider nur extrem kondensiert bringen, aber schau'n Sie doch einmal hier nach, nicht von der ersten Überschrift irritieren lassen und einfach die kalendarischen Einträge hinunterscrollen bis zu jenem Eintrag mit Datum 8. August).

Er habe also die „Blüte des österreichischen Vorkriegsmarxismus" getroffen, Parlamentarier, Schriftsteller, Journalisten, so Trotzki, aber: „Der österreichische Marxist erwies sich nur zu oft als ,Philister', der Marx studiert hat wie ein anderer Jus. Die Marxisten im eitlen Wien titulierten einander als ,Herr Doktor', wenn sie einen akademischen Grad hatten (...)."

„Viele Sozialdemokraten verblüfften mich durch Gesten, die ich mit ihrem Bekenntnis nicht in Einklang zu bringen vermochte. Sie enthüllten etwa einen durchaus ungenierten Chauvinismus, prahlten mit einer kostbaren goldenen Uhr oder legten eine heilige Scheu vor der Polizei an den Tag (...)."

„Ich war in ihrer Mitte ganz einsam. Ich fand nicht einen unter ihnen, mit dem ich vertraulich reden konnte, obwohl ich der österreichischen sozialdemokratischen Partei beigetreten war, ihren Versammlungen beiwohnte, in ihre Zeitungen schrieb."

Kommt einem eigentlich auch 2019 bekannt vor. (wg)

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.08.2019)

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