Schade um sechs Monate Lebenszeit

So wie die Wehrpflicht heute gehandhabt wird, hat sie keinen Sinn: Militärische Ausbildung findet längst nicht mehr statt.

Während die ÖVP über eine Einschränkung der allgemeinen Wehrpflicht diskutiert, will Verteidigungsminister Norbert Darabos unbeirrt daran festhalten. Nur: Was bedeutet die Wehrpflicht heute eigentlich noch? Mehr als die Hälfte der Einberufenen gelten als sogenannte Systemerhalter – sprich: Nach einer Schmalspurgrundausbildung landen sie als billige Hilfskräfte in den Schreibstuben oder Offizierskasinos. Und auch der Rest erhält längst keine ordentliche militärische Ausbildung mehr: Der wird nämlich bald einmal an die burgenländische Grenze abkommandiert – um dort im Rahmen des „Assistenzeinsatzes“ spazieren zu gehen. Aber selbst eine echte Ausbildung würde wenig bringen: Die Überführung der Grundwehrdiener in die Miliz findet nicht mehr statt, da die Milizübungen abgeschafft wurden. Die Miliz besteht in Wahrheit nur noch auf dem Papier.

Die Wehrpflicht kann kein Selbstzweck sein, sondern nur ein Mittel, um eine einsatzbereite Milizarmee auf die Beine zu stellen. Wenn das nicht mehr passiert – und an dem Punkt stehen wir heute –, dann sollte sie tatsächlich besser ersatzlos gestrichen und ein schlankes Berufsheer eingeführt werden. Denn nur um aus Tradition ein sinnentleertes militärisches System aufrechtzuerhalten– dafür sind die sechs Monate Lebenszeit, die unserer männlichen Jugend abverlangt werden, eindeutig zu schade.
(Bericht: Seite 3)


martin.fritzl@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2010)

Kommentar zu Artikel:

Schade um sechs Monate Lebenszeit

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen