Wir sollten das Richtige auch für die falschen Zuwanderer tun

Die undiplomatischen Aussagen des türkischen Botschafters könnten und sollten den Anstoß für eine neue Qualität in der Integrationsdebatte geben.

Zu den alten internen Regeln der „Presse“-Redaktion gehört es, dass Interviews nicht in derselben Ausgabe kommentiert werden. Der bewusste Regelverstoß, den dieser Kommentar darstellt, ist die unmittelbare Reaktion auf einen Regelverstoß des Interviewpartners: Kadri Ecvet Tezcan, der türkische Botschafter in Wien, hat im Gespräch mit meinem Kollegen Christian Ultsch gegen jede diplomatische Usance agiert und in geradezu aufregender Weise Klartext gesprochen.

Dafür gebührt ihm unser aller Dank. Seine direkte Art, das neue Großmachtbewusstsein seines Landes mit klaren Vorstellungen über das, was in Österreich an Integrationsmaßnahmen notwendig wäre, zu verknüpfen, könnte und sollte die österreichische Integrationsdebatte auf ein neues Niveau heben.

Es wäre die vierte und entscheidende Phase in dieser Debatte: Die erste dauerte am längsten und war von der Illusion geprägt, dass es sich bei den türkischen Gastarbeitern um Migranten auf Zeit handeln würde.

In der zweiten Phase behielten die Blockwarte der politischen Korrektheit die Übersicht und scheuchten jeden, der schüchtern das Vorhandensein eines Problems melden wollte, zurück in die PC-Baracken.

In der dritten Phase brachen die Dämme. Das äußerte sich politisch im Erfolg rechtspopulistischer Parteien in ganz Europa und intellektuell durch neue Akzente wie Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“.

Botschafter Tezcan hat ein neues Sprechen über das Verhältnis zwischen Österreich und der Türkei eingeleitet, besonders im Hinblick auf die Integrationsprobleme, mit denen türkische Zuwanderer signifikant stärker als andere zu kämpfen haben. Seine Rede besticht dadurch, dass er seine Kritik ebenso offen vorträgt wie die selbstkritischen Aspekte seiner Einschätzung. Genau so müssten auch österreichische Politiker, müsste auch die österreichische Öffentlichkeit mit dem Thema umgehen.

Der richtige Einstieg in eine solche neue Offenheit ist die Feststellung des Faktums, dass der überwiegende Teil der Menschen, die in den vergangenen 20Jahren aus der Türkei nach Österreich gekommen sind, nur hier ist, weil dieses Land nie eine gesteuerte Zuwanderungspolitik betrieben hat. Hätte es in Österreich eine Zuwanderungspolitik gegeben, die mit jener von Vorbildländern wie Kanada oder Australien vergleichbar ist, wären die meisten von ihnen nicht hier.

Es sind, in der offenen Sprache des türkischen Botschafters gesagt, die falschen Zuwanderer. Aber jetzt geht es darum, für die falschen Zuwanderer das Richtige zu tun. Denn dass dieses Land keine Zuwanderungspolitik hatte und hat, ist nicht die Schuld jener, die legal, aber mit ernsthaften Integrationsproblemen hier leben.

Wer verhindern will, dass Populisten allein mit dem Hinweis auf die Probleme, die lange Zeit aus Gründen der politischen Korrektheit verdrängt und kleingeredet wurden, Wahlen gewinnen, wird sich um substanzielle Maßnahmen zur richtigen Integration auch der falschen Zuwanderer kümmern müssen.


Der Hinweis von Botschafter Tezcan, dass die perfekte Beherrschung der türkischen Sprache eine entscheidende Voraussetzung für die erwünschte Zweisprachigkeit sei, ist vollkommen korrekt. Ob der Import türkischer Sprachlehrer die ideale Lösung für das Problem ist, mag man angesichts der eher nicht beglückenden Erfahrungen mit importierten Religionslehrern diskutieren.

Zentral ist das Grundprinzip, das der Botschafter anspricht: Offenheit. Es wird ein Maßstab für die Ernsthaftigkeit seiner Kritik sein, wie sehr er diese Offenheit auch in der Diskussion über die Bringschulden der türkischen Immigranten – etwa bei den Stichwörtern Kindergartenbesuch und Frauenrechte – zu schätzen weiß. Kritik an den Defiziten der österreichischen Integrationspolitik ist angebracht und notwendig. Die Defizite in der Integrationsbereitschaft vieler türkischer Zuwanderer bedürfen genauso der Diskussion.

Wer Interesse daran hat, dass Integration gelingt, muss dafür sorgen, dass auch für die falschen Zuwanderer das Richtige getan wird. Die Voraussetzung dafür ist schonungslose Offenheit.

 

E-Mails an: michael.fleischhacker@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2010)

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