Europas nicht erwiderte Liebe zu Barack Obama

Dem US-Präsidenten wird in Europa alles verziehen. Vor allem von Journalisten, die ihre Zuneigung zu Obama offen zur Schau tragen. Das hat sich Obama nicht verdient.

Es ist völlig egal, wen man in Europa fragt. Ob Gewerkschafter, Industrieller, Politiker, Wissenschaftler, Krankenschwester, Lobbyist, Kleinunternehmer, Banker, Arzt, Steuerberater, Architekt oder Kunstschaffender: Sie alle würden am 6. November von Herzen Barack Obama wählen, wenn man sie nur ließe. Der amtierende US-Präsident gilt als „einer von uns“. Ein Mann, der europäisch denkt, die staatliche Umverteilung propagiert, um so die hässlichen Falten der sozialen Ungerechtigkeit auszubügeln. Ein Politiker, dessen gesellschaftspolitische Positionen weitaus sympathischer sind als jene seines Widersachers.

Einer, der nicht peinlich ist, sondern mitreißende Reden hält, Charisma hat und überhaupt ziemlich cool rüberkommt. Barack Obama für einen tollen Burschen zu halten ist mittlerweile so riskant, wie Helmut Schmidt gut zu finden. Diesen „Bescheidenheitsprotz“ und an „Geschwätz-Diarrhoe leidenden Ersatz-Hindenburg“ wie der deutsche Feuilletonist Fritz J. Raddatz jüngst in einem Interview mit der „FAZ“ so treffend sagte.

Wer hingegen Präferenzen für Mitt Romney erkennen lässt, steht im Verdacht, einen von Finanzhaien und hinterwäldlerischen Waffennarren gesteuerten Religionskranken im Weißen Haus sehen zu wollen. Schön, wie einfach die Dinge hin und wieder liegen können.

Darüber freut sich auch das Gros der hauptamtlichen Berichterstatter. In Europa wird die zahlende Kundschaft kaum mit kritischen Berichten versorgt, die der Frage nachgingen, warum aus den vielen Wahlversprechen so wenig geworden ist. Wie aus dem Rückzug aus Afghanistan eine massive Aufstockung des Truppeneinsatzes werden konnte, wieso das Gefangenenlager in Guantánamo noch immer in Betrieb ist und was aus dem harten Vorgehen gegen die Wall Street wurde. Kaum ein Wort darüber, dass selbst wohlwollende Beobachter aus den USA in Obama mittlerweile einen besserwisserischen Zauderer sehen, dem es an Verhandlungsgeschick fehlt. Fast so, als wären derartige Fragen unanständig oder deren bloßes Stellen schon ein heimtückischer Verrat an der „guten Sache“.

Stattdessen werden alberne Thesen serviert. Etwa jene, dass Barack Obama einfach nur zu gut für die Macht sei. Ein Mann, der zu wenig entschlossen gegen seine Gegner vorgehe, weil er sie unterschätzt habe. Dass nicht Obama seine Widersacher unter-, sondern dessen Bewunderer ihn heillos überschätzt haben, gilt hingegen als denkunmöglich.

Hervorragend im Rennen liegt auch die These, dass Obama vom „Erbe“ seines Vorgängers erdrückt wird. Auch wenn das ökonomische und außenpolitische Desaster der Bush-Ära außer Zweifel steht, dürfte es doch einer Erwähnung wert sein, dass es der Demokrat Bill Clinton war, der die Vergabe von Krediten an mittellose US-Bürger für den Ankauf von Eigenheimen forcierte. Derselbe Clinton, der 1999 den „Glass-Steagall Act“ außer Kraft setzte. Ein Gesetz, das Zusammenschlüsse von Investmentbanken und traditionellen Kredithäusern untersagte, damit die spekulierenden Teile „im Fall des Falles“ nicht auf Einlagen der Sparer zugreifen konnten. Deshalb ist es über Jahrzehnte hinweg zu keiner „Kernschmelze“ im Finanzgeschäft gekommen.


Bemerkenswert an der Zuneigung Europas zu Barack Obama ist nicht nur, dass sie eine bedingungslose, sondern auch eine sehr einseitige ist. Der US-Präsident hat für Europa nämlich herzlich wenig übrig. Abgesehen von jeder Menge Belehrungen für Europas Politiker, wie sie ihre Länder wirtschaftlich wieder auf die Beine zu bringen hätten. Zum Beispiel, indem sie den Kontinent mit frisch bedrucktem Papier überschwemmen, um so die Konjunktur wieder ankurbeln zu können.

Eine Strategie übrigens, mit der Barack Obama seine Heimat an die Wand fährt. Was sich nicht zuletzt daran ablesen lässt, dass die Neuverschuldung des vergangenen Jahres zu 77 Prozent mit frisch bedruckten Scheinen aus der US-Notenpresse bezahlt wurde. Mit Geld also, das weder erwirtschaftet noch geliehen, sondern einfach erfunden wurde.

Wie der Außenpolitik-Chef dieser Zeitung, Christian Ultsch, vor einer Woche an derselben Stelle meinte, könnte also der ökonomisch versierte Mitt Romney die bessere Wahl für die USA sein. Wenn auch im Vergleich zu Barack Obama die weniger sympathische.

 

E-Mails an: franz.schellhorn@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.11.2012)

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