Die Methode Kim: Abschreckung durch Irrsinn

Nordkoreas Jungdiktator ist zornig: Er droht dem Süden mit Krieg und den USA mit einem Atomschlag. Das sind bei allem Wahnwitz kalkulierte Provokationen - mit unabsehbaren Folgen.

Methode Abschreckung durch Irrsinn
Methode Abschreckung durch Irrsinn
Kim – (c) EPA (KCNA)

Der kleine Kim dreht durch. Eine Steigerung des rhetorischen Amoklaufs, den Nordkoreas Nachwuchsdiktator derzeit hinlegt, ist kaum vorstellbar: Nach Verhängung neuer UN-Sanktionen erklärte er den Nichtangriffspakt mit Südkorea für nichtig, drohte mit der Aufkündigung des Waffenstillstandsabkommens aus dem Jahr 1953, stellte einen Krieg zur Wiedervereinigung der koreanischen Halbinsel in Aussicht und drohte zum Drüberstreuen den USA mit einem präventiven Atomschlag.

Kim Jong-un, ungefähr (so genau weiß man das nicht) 30 Jahre alt, hat sich damit zweifellos schon zu Beginn seiner Despotenkarriere zum unangefochtenen Weltmeister apokalyptischen Größenwahns gekrönt. Zwei unangenehme Fragen bleiben jedoch offen: Muss man die wüsten Drohungen ernst nehmen? Und hat der nordkoreanische Wahnsinn Methode, oder agieren die Herren in Pjöngjang irrational?

Dass Nordkorea imstande ist, Atomraketen bis Amerika zu schießen, glaubt nicht einmal Kim. Sollte er es eines fernen Tages wagen, wären er und sein Regime ziemlich schnell ausgelöscht. Mit ähnlichen Konsequenzen müssten sie bei einem massiven Angriff auf Südkorea rechnen, wo 28.500 US-Soldaten stationiert sind. Eine begrenzte Attacke ist jedoch nicht auszuschließen: 2010 versenkten nordkoreanische Streitkräfte ein Kriegsschiff aus dem Süden und eröffneten das Feuer auf eine Grenzinsel.

Um seine Drohungen glaubwürdig zu erhalten, muss Kim sie manchmal mit Taten untermauern. Solche Provokationen aber können, und das ist die große Gefahr, außer Kontrolle geraten. In Seoul ist eine neue Präsidentin, Park Geun-hye, im Amt. Die Dame hat sich den Ruf einer gewissen Härte erworben. Sollte Kim glauben, sie testen zu müssen, könnte das unabsehbare Folgen haben. Und das führt zur zweiten Frage, ob die Truppe in Pjöngjang noch ganz dicht ist.

Der Kim-Clan hat über drei Generationen eine Strategie der „Abschreckung durch Irrsinn“ entwickelt. Oberstes Ziel des Regimes ist der Machterhalt, deshalb rüstet es sich ohne Rücksicht auf die Bevölkerung hoch. Das Armenhaus Asiens verfügt mit seinen 24 Millionen Einwohnern über die viertgrößte Armee der Welt. Ein obszön großer Anteil der Ressourcen fließt ins Atom- und Raketenprogramm. Es soll dem Regime als Schutzschild und als Erlösquelle dienen. Immer wieder hat Nordkorea Zugeständnisse erpresst, indem es vorgaukelte, sich die Atomwaffen abkaufen zu lassen. Doch auch Kim jr. wird die Bombe nicht aufgeben, sie ist das einzige Pfund, mit dem er wuchern kann.

Die Welt ist nach fünf UN-Strafresolutionen und mehreren Verhandlungsanläufen ratlos. US-Präsident Obama scheint die Führung an China abgegeben zu haben, den enervierten Verbündeten Nordkoreas. Doch gelöst werden kann das Problem letztlich nur durch einen Regimewechsel in Pjöngjang. Daran aber hat China kein Interesse. Es verlöre an Einfluss – und müsste hunderttausende Flüchtlinge aufnehmen. Darauf ist übrigens auch Südkorea nicht erpicht. Der prekäre Status quo in Nordkorea wird mit all seinen irrwitzigen Auswüchsen noch eine Zeit lang einbetoniert bleiben.

christian.ultsch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.03.2013)

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