Der Terror ist zurück - und "Zar Wladimi" fürchtet um seine Spiele

Islamische Extremisten aus dem Kaukasus melden sich heimtückisch zurück und entblößen die vermeintliche Allmacht des russischen Präsidenten.

Terror ist stets perfid – erst recht, wenn er die Zivilbevölkerung bei der Vorbereitung des höchsten russischen Fests, der Neujahrsfeiern, trifft. Dass Selbstmordattentäter gleich zwei Mal innerhalb von 24Stunden mit kaltblütigem Kalkül zugeschlagen haben – obendrein in der russischen „Heldenstadt“ Wolgograd, dem vormaligen Stalingrad –, zeugt davon, dass sie ihre fatalen Aktivitäten im Vorfeld der Olympischen Winterspiele in Sotschi schlagartig erhöhen. Da das Schwarzmeer-Bad bereits jetzt hermetisch abgeriegelt ist, unter der Kontrolle von einem Großaufgebot von mehr als 40.000 Sicherheitskräften, suchen die mutmaßlichen Terroristen aus dem Nordkaukasus ihre Ziele kurzerhand im russischen Kernland.

Wie drohte Doku Umarow, der selbst ernannte „Emir des Kaukasus“, vor einem halben Jahr in einer Videobotschaft, die den Drohgebärden eines Osama bin Laden in nichts nachstand? „Der Krieg wird in eure Straßen kommen, und ihr werdet ihn in eurem Leben und auf eurer Haut spüren.“ In Moskau hat die großspurige Vorwarnung eines irrwitzigen kaukasischen Waldschrats, der sich seit Jahren in den bergigen Wäldern seiner engeren Heimat verschanzt hält und den die Behörden schon mehrfach für tot erklärt haben, damals wohl kaum Panik ausgelöst. Hie und da ein paar Nadelstiche der Gewalt – das ja. Die Großaktionen des islamistischen Terrors schienen indes passé: die Geiselnahme in einem Moskauer Musicaltheater, der Überfall auf eine Schule in Beslan in Nordossetien, Attentate in einem Schnellzug, in der U-Bahn, auf dem Flughafen.


Unter Wladimir Putin schien Russland wieder – einigermaßen – unverwundbar. In seiner zweiten Regierungsära ließ der Kreml-Herr, der gelernte Geheimdienstagent und selbst stilisierte Macho, wieder die Muskeln spielen. Angetrieben von seinen Öl- und Gasressourcen schwang sich das Kernland des ehemaligen Sowjetimperiums zu neuer Großmannssucht auf. In der Diplomatie heimste Putin, insbesondere gegenüber dem alten Feind in Washington, unvermutet Lorbeeren ein. Im Syrien-Konflikt, im langjährigen Atomstreit mit dem Iran, im Machtkampf mit Europa um die Ukraine – überall setzte Moskau – mal raffiniert, mal brachial – seine Interessen durch. Da lässt sich dann leicht großzügig sein: Im Fall des Ex-Oligarchen Michail Chodorkowski und der Punkband Pussy Riot ließ er sich zu einem „Gnadenakt“ hinreißen, zu für das Ausland inszenierten PR-Coups.

Vor den Winterspielen in Sotschi, Putins Prestigeprojekt, sollte nichts die Harmonie trüben. In seinem Sommerrefugium in Sotschi schickte sich der Präsident fast 34 Jahre nach den von Boykott überschatteten Sommerspielen in Moskau und dem Kollaps des Sowjetreichs an, vor den Augen der ganzen Welt seine neue Macht zu demonstrieren und genüsslich zu zelebrieren. Die Absage einiger Honoratioren wegen der homophoben Politik seiner Regierung löste bei Putin womöglich Ingrimm aus. Doch nun liegt über „Putins Spielen“ – „satanischen Spielen“ in der Diktion Umarows – vollends ein Schatten. Das Gespenst des Kaukasus-Terrors ist zum schlechtesten Zeitpunkt aufgetaucht.


Im Kaukasus – in Tschetschenien, Inguschetien oder Dagestan – gingen russische Militärs in den 1990er-Jahren mit voller Härte gegen die Separatisten vor. Statt die Wurzeln des Terrors auszuradieren, haben sie die Region indessen nur oberflächlich „befriedet“ – und Hass und Zorn gesät. Moskau mag die ohnedies rigorosen Sicherheitsmaßnahmen in und um Moskau, St.Petersburg oder Sotschi noch weiter verschärfen. Doch „Zar Wladimir“ muss befürchten, dass ausgerechnet zum programmierten Zenit seiner Präsidentschaft an allen Ecken und Enden seines Riesenreichs von Murmansk bis Wladiwostok Bomben hochgehen.

Im Olympischen Komitee mögen derweil manche Zweifel befallen, ob sie einst gut beraten waren, die Winterspiele just an den Rand jener Region zu vergeben, die die International Crisis Group als die gewalttätigste in Europa qualifizierte. Noch ist eine Absage Olympias in Sotschi eine ferne Option. Bei einer Terrorspirale müssten Putin und die internationale Gemeinschaft aber Konsequenzen ziehen – es wäre eine Blamage für beide.

E-Mails an: thomas.vieregge@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2013)

Kommentar zu Artikel:

Der Terror ist zurück - und "Zar Wladimi" fürchtet um seine Spiele

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen