Die liebsten Lügen der Israel-Hasser

Es heißt: Auf Kritiker Israels sause die Antisemitismus-Keule nieder. Warum wird derlei Unsinn verbreitet?

Israel feiert auch seinen 60. Geburtstag nur mit wenigen Freunden. Über kein anderes Land der Welt, die USA ausgenommen, kursieren derart viele Halbwahrheiten und Lügen. Kein anderes Land weckt solche Aggressionen. In weiten Teilen der islamischen Welt gehört es zum guten Ton, den Hass auf Israel ungeniert mit antisemitischem Geifer abzusondern. In hiesigen Breitengraden gedeihen die Ressentiments unter der Decke, kommen in Nebensätzen an Stammtischen oder auch beim Cocktail-Schlürfen zum Vorschein.

Satte 53 Prozent der Deutschen verspüren trotz aller Treueschwüre ihrer Kanzlerin keine besondere historische Verantwortung mehr für Israel. Man kann davon ausgehen, dass die glückselige Geschichtsvergessenheit im Opfermythos-Land Österreich um einiges ausgeprägter ist. Eine erstaunliche Ignoranz-Leistung für ein Land, das Karl Lueger und Adolf Hitler hervorgebracht hat. Ach, wollt ihr Moralapostel uns das noch in 100 Jahren vorhalten, tönt es jedem entgegen, der an das dunkle Band zwischen Österreich, Deutschland und Israel erinnert. Ja! Denn es führt nun einmal eine direkte Linie der Judenverfolgung zur Gründung des Staates Israel. Und aus diesem historischen Erbe leitet sich eine moralische Verantwortung ab, die sich nicht ablegen lässt wie ein alter Hut.

Das bedeutet nicht distanzlos-blinde Gefolgschaft. Einer der hartnäckigsten Gemeinplätze in Nahost-Diskussionen ist ja, dass auf denjenigen, der Israel kritisiert, sofort die Antisemitismus-Keule niedersaust. Doch das ist Unsinn und wird nicht wahrer, wenn es noch so oft verzapft wird.

Ein kurzer Blick ins Zeitungsarchiv zeigt: Egal, ob jemand den Ausbau von jüdischen Siedlungen, die Kollektivstrafen gegen Bewohner des Gazastreifens oder den Libanon-Feldzug verurteilte, nie handelte er sich deshalb von israelischer Seite Antisemitismus-Vorwürfe ein. In der westlichen Hemisphäre schaffte es in den vergangenen fünf Jahren nur ein Spitzenpolitiker, diese Grenze zu überschreiten: Venezuelas Staatschef Hugo Chavéz. Er verglich den Libanon-Krieg 2006 mit Hitlers Vernichtungsfeldzügen und wurde deshalb von einer jüdischen Organisation unter Antisemitismus-Verdacht gestellt. Zu Recht. Denn wer die Israelis als die neuen Nazis bezeichnet, verzerrt nicht nur die Proportionen in monströser Art. Er versucht damit auch, den Holocaust zu relativieren und die Juden zum Tätervolk zu machen.

Es geistern noch viele andere Irrtümer herum, die unhinterfragt über Israel verbreitet werden. So heißt es immer wieder, die Israelis seien an Frieden nicht ernsthaft interessiert: Dabei wird ausgeblendet, dass sie im Gegensatz zu den Arabern den UN-Teilungsplan von 1947 akzeptiert haben, nach dem Sechstagekrieg von 1967 Land gegen Frieden angeboten und dafür die berühmten drei „Nein“ der Araber geerntet haben, das Oslo-Abkommen unterzeichnet und 2000 in Camp David und danach in Taba Friedensverträge offeriert haben. Mit einem wortbrüchigen Terroristenförderer wie Jassir Arafat war es halt schwer. Und es ist noch schwerer mit der islamistischen Hamas, die in ihrer Charta die Auslöschung Israels festgeschrieben hat.

Keine Frage: Israel machte viele Fehler. Der verhängnisvollste war es wohl, 1967 das gesamte Westjordanland zu besetzen und dort völkerrechtswidrig Siedlungen zu bauen. Es folgten weitere, bis heute. Doch Israel als alleinigen Sündenbock herauszugreifen und andere aus der Verantwortung zu entlassen widerspricht allen Regeln der Fairness. Dennoch erfreut sich diese Methode besonderer Beliebtheit.

Oder hat irgendjemand derjenigen, die sich so gerne über Israels „Demokratiedefizite“ alterieren, je in vergleichbarer Lautstärke über arabische Folterdiktaturen geklagt? Wie ja überhaupt bei manchen arabische Opfer nur zählen, wenn sie von jüdischer oder US-Hand fallen, dafür aber 200.000 Tote in Darfur ohne Probleme übergangen werden.

Es ist eine solche Geisteshaltung, der die Einschätzung entspringt, Israel stelle eine größere Gefahr für den Weltfrieden dar als der Iran, dessen Regime dem jüdischen Staat offen mit Vernichtung droht und Terrorgruppen wie die Hamas und die Hisbollah unterstützt. Traurig ist, dass mittlerweile die Mehrheit der Europäer so denkt, wie unlängst eine Umfrage ergeben hat.

60 Jahre nach seiner Gründung hat Israel ein schlechteres Image als je zuvor. Israel sollte darüber nachdenken, was es selbst dazu beigetragen hat. Die Europäer aber, vor allem die Österreicher, müssten sich fragen, warum ihr Meinungsbild derart verzerrt und Solidarität mit Israel bestenfalls der Stoff für Politikerfestreden ist.

60 Jahre Israel Seiten 6, 7


christian.ultsch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2008)

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