Der IS-Terror und das gefährliche Doppelspiel der Türkei

Die Regierung Erdoğan wird die Vorwürfe nicht los, sie habe die Terroristen zu lange gewähren lassen. Die türkische Militäraktion könnte zu spät kommen.

TURKEY GOVERNMENT ERDOGAN
TURKEY GOVERNMENT ERDOGAN
(c) APA/EPA/KAYHAN OZER / PRESIDENTA

Von all den wirren, grotesken und vor allem bestürzenden Nachrichten, die in den vergangenen Wochen rund um die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) in der Türkei zu lesen und zu hören waren, ist die folgende ein Musterbeispiel für den Wahnwitz dieser Henker. Per Twitter haben die IS-Schergen verkündet, ein „Konsulat“ in Istanbul eröffnen zu wollen. Und jene, die sich dem Jihad anschließen wollen, mögen ein E-Mail an – kein Scherz – isisturkey@gmail.com schreiben. Wiewohl die Kurznachricht sowie die dazugehörige Seite bald darauf gelöscht wurden – in der Türkei hatte die Terrortruppe bisher vermutlich keine größeren Probleme, Anhänger zu rekrutieren. Der IS hat es sich in der Türkei gemütlich gemacht.

Freilich, dieser Vorwurf wiegt schwer. Ankara hat aber auch einiges dazu beigetragen, dass sowohl Teile der Bevölkerung als auch aufmerksame Beobachter im Ausland zu dieser Erkenntnis gekommen sind. Der auffälligste Punkt dabei: die politische und militärische Zurückhaltung sowie das Nichtinformieren der Bevölkerung, was den IS betrifft. Für Ersteres hatte die Regierungspartei allerdings lange Zeit einen triftigen Grund. Während ihres Vormarschs im Irak haben die Terroristen 49türkische Staatsbürger in Geiselhaft genommen – ganze 101 Tage lang. Die Regierung ließ daher verlautbaren, sie werde sich dem internationalen Bündnis gegen den IS nicht anschließen. Mittlerweile sind die Geiseln wieder frei, und Ankara rüstet für den Einmarsch an der syrischen Grenze auf. Der neue militärische Tatendrang hat aber weniger mit den befreiten Geiseln, sondern vielmehr mit der unmittelbaren Gefahr zu tun, die der IS für die Türkei darstellt. Die Jihadisten kontrollieren bereits große Flächen auf der syrischen Seite der Grenzregion.

Inwieweit sich der IS mit der Regierungspartei AKP arrangiert hat, lässt sich schwer nachvollziehen. Nach Beweisen wird man lange suchen müssen, und ob das aus vagen Indizien zusammengestellte Bild auch ganz der Realität entspricht, ist die andere Frage. In einem Interview mit der links-oppositionellen Zeitung „Aydinlik“ erzählt ein 28-jähriger IS-Kämpfer, dass die AKP die Islamisten immer großzügig behandelt habe. Er selbst und viele andere würden in der Türkei medizinisch behandelt werden, ohne die Hilfe Ankaras wäre der IS nicht dort, wo er jetzt ist. Ironischerweise ist dieses „dort“ nun genau vor den Toren der Türkei.

Sollte sich Präsident Recep Tayyip Erdoğan tatsächlich mit den Islamisten blind arrangiert haben, weil beide Seiten den syrischen Machthaber Bashar al-Assad sprichwörtlich in die Wüste schicken wollen, dann fällt ihm diese Taktik spätestens jetzt mit aller Wucht auf den Kopf. Eine Fehlkalkulation, die ihresgleichen sucht. Dass man mit Wahnsinnigen wie dem IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi keine Geschäfte zu machen braucht, hat al-Baghdadi erst kürzlich erneut bewiesen: Er hat Erdoğan mit dem Tod gedroht.

Die Liste, bei der die Türkei bei den Aktivitäten der Terrormiliz im Land großzügig weggeschaut haben soll, ist lang. Die türkisch-syrische Grenzregion ist durchlöchert, mit Ankaras Kopfnicken sollen hier Waffen an die Islamisten geliefert worden sein, damit sie al-Assad stürzen. In den vergangenen Monaten, ja Jahren sollen die Jihadisten in aller Ruhe eine straffe Organisation errichtet haben, bestehend aus etlichen kleineren Zellen, die sicherheitshalber voneinander nichts wissen, aber auf denselben Befehlshaber hören. Diese Schläfer stellen eine große Gefahr für die Sicherheit des Landes dar.

Darüber hinaus soll die Türkei auch beim Ölschmuggel eine Schlüsselrolle gespielt haben. Das von den Islamisten erbeutete schwarze Gold fließt Beobachtern zufolge durch mobile Pipelines an und durch die Türkei. Das Öl hat aus dem IS die wohlhabendste Terrororganisation der Geschichte gemacht. Täglich sollen sie dadurch bis zu zwei Millionen Dollar einnehmen.

Ein militärischer Schlag an der Grenze wird der Regierung angesichts dieser Szenarien nur kurzfristig Erleichterung verschaffen: Dass sich der IS in der Türkei sesshaft gemacht hat, daran zweifelt kaum jemand. Zu suchen sind die Radikalen übrigens auch in den Flüchtlingsströmen in Richtung Türkei, die der syrische Bürgerkrieg ausgelöst hat.

E-Mails an: duygu.oezkan@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.10.2014)

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