Gier ist immer und überall

Moralisieren macht die Finanzkrise nicht besser. Der Kapitalismus ist ohnehin gerade dabei, sich zu reinigen.

Klar, es ist die Gier. Ein auf Gier aufgebautes System zerstört sich selbst: Gestern brach der Geldtempel Lehmann Brothers entzwei, morgen vielleicht die American Insurance Group, übermorgen stirbt der nächste an seiner Unersättlichkeit. Höchste Zeit, dass die Welt zu einem anderen System findet, einem, das auf Vertrauen aufgebaut ist statt auf Wettbewerb, auf Solidarität statt auf dem Geldverdienen. Wo der Mensch zählt und nicht die Millionen, wo... blabla und blabla.

Nein, liebe Freunde von der fundamentalkapitalismuskritischen Seite: So einfach ist es leider nicht. Natürlich hat in der gegenwärtigen Finanzkrise Gier eine Rolle gespielt. Das tut sie immer, beileibe nicht nur in der Wirtschaft. Gier taucht immer auf, wenn Menschen plötzlich das in Reichweite wähnen, was sie wirklich gerne haben wollen – ob man nun mit Angelina Jolie in der Liftkabine stecken bleibt, sich mit dem neuesten Dan Brown auf dem Klo einsperrt oder mit ein paar Tricks seinen Jahresbonus in den Gegenwert einer Segeljacht hochtreiben kann. Gier ist immer.

Sicher: Da war schon viel Gier im Spiel. Und sträflicher Leichtsinn. Aber die Ursache der Krise liegt nicht in einem Webfehler der Marktwirtschaft, der Eigennutz heißt. Sondern schlicht in Fehlverhalten – das zuweilen auf beste Absichten gegründet war. Es ist im Grunde nur wieder die alte Geschichte von zu viel und zu billigem Geld. Vor allem die US-Notenbank hat in den letzten Jahren das Zinsniveau zu niedrig gehalten und für zu kräftige Geldvermehrung gesorgt. In der honorigen Absicht, damit die Konjunktur zu stützen, also um Millionen Menschen den Arbeitsplatz zu sichern und vielleicht auch die Gehaltserhöhung.

Im Prinzip ist ein Finanzsystem genau dazu da: Menschen eine Chance zu geben, die bereit sind, ein Risiko einzugehen. Problematisch wird es aber dann, wenn das Tempo zu hoch wird. Wenn das Ausmaß des billig verfügbaren Geldes schneller wächst als das der kreditwürdigen Projekte, wird aber zwangsläufig immer windiger investiert. Das geht nur, wenn man das Risiko möglichst breit streut. So wurde ein Haufen hochkomplexer Wertpapiere geschaffen, die auch von den Experten immer weniger verstanden wurden. Man wusste nur, sie rentieren sich gut – also her damit! Eine solche Chance kommt ja nicht wieder.

Der Finanzsektor verdient ja sein Geld damit, dass er zutreffende Annahmen darüber macht, wie sich ein Wert in Zukunft entwickelt. Fehleinschätzungen kosten und müssen ständig korrigiert werden – und das geht auf gesunde Weise nur, wenn die Korrekturen gering sind. Was aber nur bei nachhaltigen Preisentwicklungen der Fall ist, nicht aber bei Spekulationsblasen, an deren Höhepunkt sonnigster Optimismus in schwärzesten Pessimismus umschlägt. Intelligente und seriöse Banker wissen das.

Natürlich gibt es auch in ruhigen Zeiten wilde Spekulationen. Aber da spielen nur wenige mit, und wenn es da einen erwischt, hat das System kein Problem. Wenn aber so massiv Geld ins System gepumpt wird wie in den letzten Jahren, da hasardieren zum Schluss fast alle mit, und viele werden zum Konkurskandidaten. Dafür ist die US-Notenbank mit ihrer Niedrigzinspolitik verantwortlich. Was die Mitzocker unter den Bankern und Versicherern nicht freispricht.


Aber so ist nun einmal nicht nur der Kapitalismus, sondern die Welt. Gelegenheit macht Hasardeure (und prekäre Hausbesitzer). Darum gibt es auch keine Patentrezepte dagegen. Sicherlich: Man kann die eine oder andere Vorschrift verbessern. Aber man wird damit eher wieder nur die Übertretungen von gestern verhindern und Umgehungsmodelle von morgen provozieren. Ethischeres Verhalten wäre auch nicht schlecht, aber so etwas lernt man im Elternhaus oder gar nicht. Sicher nicht im Business-Seminar. Natürlich könnte man das Geld und seinen Verkehr abschaffen, aber das wäre so, als würde man seinem Kind die Gliedmaßen entfernen, damit es nicht auf den morschen Baum klettert.

Also kann man eh nichts tun? Mitnichten. Man kann schlauer werden. Dass man heute Milliarden-Hasardeure in Konkurs gehen lässt, statt sie mit Steuergeldern aufzufangen, ist eine wichtige Lektion für alle Zocker. Und auch die Notenbanken haben hoffentlich gelernt, wie man Konjunkturpolitik besser nicht macht. Eher weniger gelernt haben wohl die Kollegen von der „Gier! Gier!“-Fraktion. So ließ gestern die Gruppe Attac mit der Forderung aufhorchen: Die Europäische Zentralbank sollte bei ihrer Zinspolitik doch mehr auf Konjunkturbelebung und weniger auf Inflationsbekämpfung schauen. Also genau das, was den Amerikanern die Probleme beschert hat? Bitte geißelt doch weiter die Gier, das könnt ihr besser!

Kein Ende der Finanzkrise Seiten 1 bis 3


michael.prueller@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.09.2008)

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