Eine Enttäuschung in Pink

Der inhaltliche Absturz der Neos ist nicht lustig: Langsam erlischt die Hoffnung auf eine neue wirtschaftsliberale Kraft in dem Land. Und die Angst der ÖVP verschwindet. Schade.

Strolz
Strolz
(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Manche schaffen in einer Woche das, wofür andere Monate und Jahre benötigen. Die Neos haben innerhalb von sieben Tagen bewiesen, dass sie ähnlich wie einst das Liberale Forum im politischen Parteienspektrum relativ überflüssig sind. Diese Beweisführung gelang der Person, ohne die es weder Partei noch Parlamentseinzug gäbe: Matthias Strolz. Begonnen hat die absurde politische Woche mit einem Mail des Parteichefs an die „Krone“. Nach einer Kur in klösterlicher Einsamkeit wollte sich Strolz mit einem Gedicht an das „Krone“-Poesiealbum anbiedern. Und da die Realität besser als jede Satire ist, hier noch einmal zum ungläubigen Nachlesen: „Du bist so prall und so glänzend, so samten und geschmeidig, das füllige Leben und der Abschied. Geborgen in Stacheln kamst du zur Reife. Du hast dich geöffnet, um Lebendigkeit zu geben. Du bist gefallen, um dem Wachsen die Hand zu reichen. Ich trage dich bei mir, du bist mein Schatz. Wir Kinder der Erde, wir lieben dich.“

Es ging um eine Kastanie. Und unter uns Hobbylyrikern: Das ist ein richtig schlechter Text. Solche Zeilen überblätterte man einst in der „Praline“. Käme es aus der Feder Heinz-Christian Straches (oder wahrscheinlicher: Herbert Kickls) könnten wir zumindest eine Blut-und-Erde-Konnotation herauslesen, die es sich zu hinterfragen lohnen würde. Aber bei Strolz bleibt nur der Eindruck des kindlich-rustikalen Gagas.

Wenig später folgte der Aufstand der Parteijugend mit der Forderung nach der Legalisierung aller Drogen. Strolz kann sich mittlerweile mit Cannabis – also dessen Freigabe, nicht dessen Konsum – anfreunden und hat wie einst die Grünen eine völlig sinnlose Diskussion am Hals. Ein besonders wehleidig-rotziger Auftritt in der „ZiB2“ war dann der Höhepunkt seiner Harakiri-Tage. Über all dies ließe sich endlos scherzen, die Peinlichkeiten sind aber leider ernst.

Seit dem Einzug in den Nationalrat trägt der Selbstverantwortungsprediger Strolz nämlich die Verantwortung für tausende Stimmen und gar nicht so wenige Mandate, die er zwecks Selbstdarstellung oder aus Mangel an politischem Handwerk aufs Spiel setzt. Der Ärger über die Blamage in Pink ist auch so ausgeprägt, weil sich große Hoffnungen mit einer neuen Partei verknüpft haben. Einer Partei, die mit mehr Ehrlichkeit und ungewöhnlich echtem Wirtschaftsliberalismus angetreten ist, Pensionsreform und Entideologisierung in der Bildung gefordert hat. Die Töchter und Söhne der ÖVP und wohl auch der längst saturierten Grünen traten als Alternative zum bestehenden Sozialpartner- und Gefälligkeitsdenken an. Dass Reinhold Mitterlehner heute in der ÖVP gesellschaftspolitisch liberalere Thesen formuliert, rührt auch von der Angst der Volkspartei vor der neuen bürgerlichen Konkurrenz.

Dank der Strolz-Chaostage werden die Selbstgefälligkeit und die alte Reformunwilligkeit in der ÖVP (und Ersteres bei den Grünen) wieder steigen. Und vor allem schwindet die Hoffnung, dass es irgendetwas außer Rot-Schwarz in diesem Land geben kann. Sowohl rechts als auch links der Mitte wären die Neos eine interessante Option für eine Dreierkoalition gewesen. Die wachsende Panik vor sensiblen, aber politisch notwendigen Debatten zeigt auch die Angst vor dem eigenen inhaltlichen Schatten Privatisierung: Lieber „Weiß nicht“ sagen als sich klar festlegen oder sich gar mutig wirtschaftsliberal dazu bekennen.

Denn das eigentliche Problem der Truppe in Grellrosa sind nicht die Pannen und die falschen Spitzenkandidaten für Brüssel und Bregenz, sondern ist die Strategie einer Altpartei: Statt wie vor der Wahl frech und dennoch pragmatisch neue inhaltliche Positionen zu suchen, zu diskutieren und zu besetzen, vermeiden die Neos genau das und jede echte Debatte nun völlig. In eben einem solchen PR-Vakuum stolpert man über Kastanien und Joints. Mitleid gibt es dafür nicht.

Die Wien-Wahl wird – um in Strolz'schen Bildern zu bleiben – eine hohe, wilde und stachelige Wiese. Willkommen im innenpolitischen Erwachsenenleben, liebe Neos.


rainer.nowak@diepresse.com

 

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.11.2014)

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