Pegida: Spazieren zwischen Andreas Gabalier und Anders Breivik

Einiges an den Patriotischen Europäern erinnert an den norwegischen Massenmörder. Berechtigtes Unbehagen treibt viele zum Mitspazieren.

Bevor Anders Breivik an einem Sommertag auf einer Insel 69 Menschen erschossen hatte, stellte er ein Manifest ins Netz, das er „Europäische Unabhängigkeitserklärung“ nannte. Der norwegische Massenmörder wollte Europa retten, vor allem Möglichen, aber vor allem vor dem Islam. Auch die Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes, kurz Pegida, bekennen sich zu Europa und wollen die „Islamisierung“ stoppen: aber nicht mit Gewalt, sondern seit Oktober mit „Spaziergängen“ jeden Montag in Dresden und in anderen deutschen Städten – und bald auch in Wien. Hier ist die erste Kundgebung für Mitte bis Ende Jänner geplant.

Und wie in Deutschland werden wohl auch in Österreich keineswegs nur rechtsextreme Xenophobe mitspazieren, sondern alle möglichen Menschen, junge und alte, sehr und moderat rechte, unbestimmt konservative, ja, sogar linke. Zumal das Positionspapier von Pegida eine Ramschkiste ist, aus der man herausklauben kann, was einem gefällt. Pegida ist für die „christlich-jüdisch geprägte Abendlandkultur“, für die Aufnahme von Flüchtlingen und für sich integrierende Muslime, aber gegen „eine frauenfeindliche politische Ideologie“, für „sexuelle Selbstbestimmung“ (auch wenn diese von der „christlich-jüdisch geprägten Abendlandkultur“ traditionell nicht gerade gefördert wurde), aber auch gegen „dieses wahnwitzige Gender-Mainstreaming“.

Der gemeinsame Nenner ist am ehesten ein diffuses kulturkonservatives Gefühl. Auf der Facebook-Seite des österreichischen Pegida-Ablegers zitiert man Kraus als Ankläger der verlogenen Medien, Schiller und Gabalier als Verfechter eines positiven Heimatbegriffs. Gabalier hat kürzlich das Christkind verteidigt, davor die töchterlose österreichische Bundeshymne. „Mein Ursprung, meine Wurzeln, mein Daheim. Meine Heimat, bei dir muss ich sein“, zitiert ihn die Pegida-Seite.

Warum ist das Wort Heimat immer noch per se politisch verdächtig? Warum werden die Migrationsprobleme und die kulturelle Veränderung Europas durch muslimische Zuwanderer von Politik und etablierten Medien systematisch weg- oder schöngeredet? Solche Fragen stellen sich, wie Interviews der vergangenen Wochen zeigen, viele Mitspazierer der deutschen Pegida-Demos. Nur diese großteils nicht extremen „Mitläufer“ machen Pegida groß. Es ist genau wie auf der unerhört beliebten deutschen Internetseite Politically Incorrect. Sie strotzt von hasserfüllten Postings; aber groß ist sie durch die vielen Leser, die hier und nur hier zu finden meinen, was sie in der offiziellen Diskussion vermissen: unzensurierte Information und Diskussion. Und Menschen, die ihr Unbehagen teilen.

Als die Schweizer für ein Minarettverbot stimmten, wurden sie von fast allen ausländischen Medien für dumm erklärt. Auch die Pegida-Demonstranten werden jetzt gern als Idioten abgetan. Das ist noch gefährlicher, als die Aktivisten hinter Pegida, Politically Incorrect und Co. zu verharmlosen.

„Proamerikanisch. Proisraelisch. Gegen die Islamisierung Europas. Für Grundgesetz und Menschenrechte“, lautet der Untertitel der Seite Politically Incorrect. Das klingt wie ein Freibrief in Deutschland und Österreich, wo man immer noch so tut, als wäre der Antisemitismus die größte Gefahr. Auch Pegida ist für die „christlich-jüdisch geprägte Abendlandkultur“ – ebenso wie Breivik für ein „christlich-jüdisches Europa“ eintrat. Und noch eines haben Pegida, Politically Incorrect und Breivik gemeinsam: Da kämpfen nicht Deutsche, Schweizer oder Schweden für ihre Nation, sondern alle gemeinsam für „Europa“. Klingt doch nicht so schlimm wie Neonazis, die die arische Rasse hochhalten, oder?

Ja, der offizielle Sprachgebrauch hat das Wort Europa mit schönen Bildern von Frieden und Versöhnung besetzt. Die Realität ist anders. Wer hätte sich im Juni 2011 Breiviks Bluttat auf Utøya vorgestellt? Projüdisch, proeuropäisch, pro Menschenrechte – man sollte dringend genauer hinsehen, was sich im Internet schon seit Langem hinter solchen Wörtern zusammenbraut.

Noch viel wichtiger aber ist die Frage, welche Ängste und welches Unbehagen so viele dazu treibt, bei den „Spaziergängen“ von Pegida mitzuspazieren.

E-Mails: anne-catherine.simon@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2015)

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