Die österreichische Unkultur des Scheiterns

Die vergangenen Tage im Zeitraffer: Ein Unternehmer entschuldigt sich für seine Pleite. Eine Politikerin macht dreiste Aussagen zu ihrem Fehlverhalten.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Was für ein Gedränge. Die Sache wollten sich am Nachmittag des vergangenen Freitags offenbar die wenigsten entgehen lassen. Das wirklich großzügige Refektorium des Wiener Franziskanerklosters war zum Bersten voll.

Schulter an Schulter standen dort also hunderte Menschen – um einer Buchpräsentation beizuwohnen. Das Buch hat schlanke 113 Seiten und ist auch keineswegs von einem berühmten Literaten verfasst worden. Der gebürtige Pole Damian Izdebski hat es geschrieben. Jener Damian Izdebski, dessen jahrelang erfolgsverwöhntes Handelsunternehmen DiTech im vergangenen Jahr in die Pleite geschlittert ist.

Das Buch trägt den Titel „Meine besten Fehler“.

Auch Außenminister Sebastian Kurz ließ es sich am Freitag nicht nehmen, in das Franziskanerkloster zu kommen. Klar: Er ist ein persönlicher Freund Izdebskis. Vor allem aber hoffe er, sagte Kurz, dass das kleine Taschenbuch „einen Kulturwandel in Österreich“ auslösen werde. Das Land müsse eine Kultur des Scheiterns entwickeln.

Ein wahres Wort. Und Damian Izdebski zeigte dann auch gleich, was darunter zu verstehen ist. Er stellte sich auf das Podium und sprach: „Ich bin nicht stolz auf die Ereignisse des vergangenen Jahres. Ich bedaure zutiefst, was da passiert ist. Mir tut es unendlich leid, dass Menschen wegen der Insolvenz meines Unternehmens viel Geld oder ihren Arbeitsplatz verloren haben.“

Unnötig zu erwähnen, dass er nach seiner Ansprache minutenlangen Applaus bekommen hat.

Keine Frage: Solche Worte des Bedauerns, der Einsicht und der Demut sind in unserem Land selten geworden. Und sie werden dankbar und anerkennend aufgenommen. Umso erstaunlicher, dass diese Kunde immer noch nicht zur österreichischen Innenpolitik vorgedrungen ist.

Am Tag nach der denkwürdigen Buchpräsentation meldete sich Elisabeth Kaufmann-Bruckberger mittels eines Interviews zu Wort. Das ist bekanntlich jene Dame, die seinerzeit, als das Land Kärnten überteuerte Seeimmobilien gekauft hat, eine „tragende“ Rolle gespielt hat: Sie hat 700.000 Euro an Schmiergeldern an das BZÖ weitergeleitet. Worte des Bedauerns, der Reue oder auch nur irgendein vages Anzeichen der Selbstreflexion? Geh, bitte! Frau Kaufmann-Bruckberger klopft sich auf die Schulter: „Es gehört auch viel Courage dazu, die Wahrheit zu sagen“ (nach all den Jahren). Und dass sie nun, da das Ganze aufgeflogen ist, bereitwillig Auskunft gibt, sei „ein Zeichen der Transparenz“.

Ja, eh. Und Landesrätin bleibt sie natürlich auch noch.

Warum auch nicht? Maria Fekter geht ja ebenfalls erhobenen Hauptes im Parlament ein und aus – obwohl sie als Finanzministerin die Hypo-Aufräumarbeiten sträflich vernachlässigt hat. Und ihr Vorgänger Josef Pröll, der bei der Notverstaatlichung der Skandalbank eher suboptimal agiert hat, gibt sich heute auch ungewöhnlich wortkarg.

Kultur des Scheiterns? Gäbe es die in der heimischen Innenpolitik, dann würde die Sache so ablaufen: Kaufmann-Bruckberger, Fekter, Pröll und wie sie alle heißen, würden zum ach so geliebten Mikrofon greifen und schlichte, aber ehrlich gemeinte Worte finden. Etwa: „Es tut mir leid. Ich habe mich geirrt. Ich wusste es damals nicht besser.“

Ist aber nicht. In Österreich grassiert immer noch die Unkultur des Scheiterns. Wenn nicht geschwiegen wird, dann gibt es müde Ausreden, Gegenattacken, Selbstzufriedenheit.

Dabei täten die Damen und Herren Politiker mit wenigen Worten der Einsicht nicht nur der erzürnten Bevölkerung, sondern auch sich selbst einen großen Gefallen. Und damit sind wir wieder bei Damian Izdebski.

Bei der Buchpräsentation erzählte er von der schrecklichen Zeit nach der Pleite. Es gab Hass-Postings und „gute, alte Bekannte“, die seine Telefonanrufe nicht entgegennahmen oder bei einem überraschenden Aufeinandertreffen die Straßenseite wechselten.

Man muss kein großer Prophet sein, um zu wissen: Nach dem vergangenen Freitag wird für ihn und seine Familie vieles anders sein.

E-Mails an:hanna.kordik@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.03.2015)

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