Es braucht streitbare Dichter und Denker – auch, wenn sie sich irren

Als Schriftsteller geehrt, erntete Grass für seine Einlassungen nur noch Häme. Doch seine Rolle des öffentlichen Intellektuellen gehört dringend neu besetzt.

Jetzt kehrt also Frieden ein. Ein endgültiger und doch verlogener Friede. Günter Grass ist tot, und alle Welt darf ihn nun in elegischer Reminiszenz als denjenigen rühmen, der er unzweifelhaft war: der wirkmächtigste, originellste und in diesem Sinn größte deutschsprachige Schriftsteller der Nachkriegszeit. Dass der Meister der „Blechtrommel“ für seine Einlassungen der späten Jahre nur noch Spott und Häme geerntet hat, darüber legt sich nun das gnädige Grabtuch des Schweigens. Die Germanisten entführen ihn von den Schlachtfeldern der Diskurse und verbannen ihn für immer in die stille Nachwelt ihrer formal deutenden Seminare.

Er hätte das nicht gewollt. Grass war ein Störenfried. Es ist in seinem Sinn, die Flamme des Streits nicht ausgehen zu lassen. Also zur Erinnerung: Mit seiner Sicht, die deutsche Wiedervereinigung sei ein „hässlicher“ Irrtum, lag Grass gründlich daneben. Sein Bekenntnis, dass er als ahnungsloser Jüngling bei der Waffen-SS war, erfolgte sehr spät für einen, der so viele wegen ihrer Vergangenheit so gnadenlos kritisiert hatte. Und für sein Strafgedicht, in dem er Israel mit dem Iran gleichsetzte, hätte er seine „letzte Tinte“ besser nicht vergossen. Musste das „altlinke Fossil“, als das er sich sah, den Mund so weit aufreißen? Hatte er das moralische Recht zum Moralisieren? Und ob. Denn Grass hatte sich die Lizenz für Irrtümer erkämpft– durch seinen Rang als Intellektueller.

Das ist nun einmal eine prekäre Spezies. Als Wissenschaftler hat sich der Intellektuelle in seiner Disziplin bewährt und mischt sich kraft seiner Kompetenz in öffentliche Debatten über Staat und Gesellschaft ein. Von seinem Blickwinkel aus versucht er, das Große und Ganze zu denken. Heikel genug! Denn ein Physiker ist kein Metaphysiker, ein Hirnforscher denkt nicht in den Kategorien des Geistes. Und die Philosophen, die früher die Einheit des Wissens in spekulativen Höhenflügen zu erfassen geglaubt haben, sind kleinlaut geworden. Heikler noch ist die Rolle für den Schriftsteller: Er schafft durch Sprache eine Welt, die mit jedem Leser neu ersteht.

Nur im besten Fall formt sich so das Selbstverständnis einer Generation. Der „Nestbeschmutzer“ Grass war so ein bester Fall: Er schuf in seinen Hauptwerken ein gemeinsames Bewusstsein für die Vergangenheit, die Schuld und die Verantwortung, die daraus erwächst. Grass, der Dichter, Habermas, der Denker, und Willy Brandt, der Politiker der Ostöffnung: Sie markieren eine kurze, glanzvolle Epoche der Wirksamkeit des Intellektuellen in Deutschland – als Kraftwerk der Ideen und Rückgrat der Demokratie.


Davor und danach hatte es das unbescheidene Denken in unserem Sprachraum nicht leicht. Zur Nazi-Zeit war „Intellektueller“ ein übles Schimpfwort für Juden und Regimegegner. Heute ist die Konnotation meist ironisch. Wir fordern fachliche Experten, die uns kompakt Faktenwissen vermitteln. Wir fordern Moralisten, die uns in Talkshows in längstens einer Minute erklären, wohin ihr erhobener Zeigefinger weist, auf welcher Seite sie stehen. Aber wir misstrauen allen, die sich geduldiges Hinterfragen und differenziertes Schlussfolgern zutrauen – und uns zumuten.

Grass fehlte wohl am Ende dieser klare Blick. Aber er hatte etwas, was uns noch mehr irritiert: die Leidenschaft, mit der er für seine Sache stritt. Wir akzeptieren die Emphase nur, wenn wir sie als Mittel zum Markterfolg durchschauen, wie es beim „FAZ“-Paradeintellektuellen Frank Schirrmacher der Fall war. Bei Philosophen und Schriftstellern schätzen wir spielerische Distanz und Coolness.

Daran ist auch die Philosophie selbst schuld: Die Postmoderne hat uns erfolgreich eingeredet, dass jede Suche nach Wahrheit und einer gültigen Moral naiv und müßig sei. Dabei stolpern wir ständig über große Fragen für große Denker: Warum erstarkt in den Pegida-Märschen das dumpfe Ressentiment? Warum haben unsere Werte und unser Lebensmodell an Strahlkraft verloren, auch für Migranten, die bei uns leben? Wie können wir uns dagegen wehren, dass uns Datenspione steuern und Rechner das autonome Denken rauben? Auf solche Fragen wusste Grass keine Antworten mehr. Aber sein Tod erinnert uns an etwas anderes: dass es auch der Leidenschaft bedarf, um sie zu finden.

E-Mails an: karl.gaulhofer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2015)

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