Es gibt kein Erdöl ohne Nebenwirkungen

Die USA erlauben Ölbohrungen in der Arktis. Das birgt große Umweltrisken, kann aber den Terrorfinanciers im Nahen Osten den Hahn zudrehen.

Am Donnerstag ist es genau fünf Jahre und vier Monate her, dass sich im Golf von Mexiko eine Explosion ereignet hat. Eine Explosion, die elf Menschen das Leben kostete und eine der größten Umweltkatastrophen in der Geschichte auslöste. Explodiert war damals nämlich eine Gasblase im Bohrloch der Ölplattform Deepwater Horizon 1500 Meter unter dem Meeresspiegel. Fast drei Monate lang quollen täglich geschätzte zehn Millionen Liter Öl aus dem Bohrloch, bis es wieder geschlossen werden konnte. An der Oberfläche bildete sich in dieser Zeit ein Ölteppich von einer Größe, die nahezu der Fläche Oberösterreichs entsprach.

Die Folgen für die Umwelt waren enorm. Hunderte Küstenkilometer wurden durch den schwarzen Schlamm bedeckt. Tausende Seevögel, Fische und Meeressäugetiere verendeten qualvoll. Auch die lokale Bevölkerung, die von Fischfang oder Tourismus lebte, wurde massiv in Mitleidenschaft gezogen. Dennoch gab es – auch wenn es zynisch klingen mag – sogar noch Glück im Unglück: Der Unfall hat sich in den Subtropen ereignet, einer warmen und feuchten Region, in der es genügend bakterielle Aktivität gibt, sodass das Öl relativ rasch abgebaut werden kann.


Ganz anders sieht die Lage aus, wenn eine solche Katastrophe in einer arktischen Region passiert. Dort bleibt der Ölschlamm wie in einem Kühlschrank auf Jahre hindurch konserviert und kann viel länger unheilvoll auf das Ökosystem einwirken. Gesehen hat die Welt das vor 26Jahren, als der Tanker Exxon Valdez vor Alaska leckgeschlagen hat. Die Natur der Region war auf Jahre hindurch beeinträchtigt. Das, obwohl die Ölmenge, die damals austrat, jener von „nur“ zehn Tagen Deepwater Horizon entsprach. Es gibt also gute Gründe, jenen zuzustimmen, die ein vollständiges Bohrverbot in der Arktis fordern.

Allerdings gibt es auch gute Gründe, die für die Hebung des bisher ungenutzten Arktis-Schatzes sprechen. Rund 13Prozent der weltweiten Öl- und gut 30 Prozent der globalen Gasreserven sollen unter dem Eis der nördlichen Polkappe liegen. Bis auf Russland handelt es sich bei den Anrainerstaaten allesamt um westliche Demokratien. Eine Förderung aus dieser Region würde somit nicht nur die Versorgungssicherheit bei Öl und Gas erhöhen – und das wird dringend benötigt, solange die Erneuerbaren technologisch noch keine umfassende Alternative sind. Es wäre auch ein neues Angebot auf einem lang von Lieferanten aus dem Nahen Osten dominierten Markt.

Denn nur die Flutung ebendieses Marktes mit dem – aus Naturschutzgründen ebenfalls umstrittenen – Öl aus US-amerikanischem Schiefergestein hat das von Saudiarabien dominierte Ölkartell Opec bereits so unter Druck gesetzt, dass es den gefallenen Ölpreis aus Angst vor Marktanteilsverlusten nicht durch Förderkürzungen wieder nach oben heben konnte. Das bringt nicht nur heimischen Autofahrern Ersparnisse an der Tankstelle. Es sorgt auch für einen deutlichen Rückgang der Petrodollar-Einnahmen im Nahen Osten. Mehr als 300 Milliarden Dollar an Einnahmen sollen den Opec-Staaten heuer dadurch entgehen.


Aus zwei Gründen ist dieser Einnahmenverlust für die Länder des Nahen Ostens eine gute Nachricht. Erstens stärkt er die westlichen Volkswirtschaften, und zweitens entzieht er dem islamistischen Terror seinen wichtigsten finanziellen Nachschub. Denn es ist schon lang ein offenes Geheimnis, dass reiche Scheichs aus Saudiarabien, Katar oder Kuwait mit ihren überschüssigen Millionen islamistische Tendenzen auf der ganzen Welt finanzieren. Dazu gehören „Tourneen“ von salafistischen Predigern in Europa ebenso wie Waffenlieferungen an die Terroristen des Islamischen Staates. Ein Fakt, vor dem der Westen bisher notgedrungen die Augen verschloss.

Doch spätestens seitdem der so herangezüchtete Geist in Syrien endgültig aus der Flasche ist und die Flucht von zehntausenden Menschen in Richtung Europa ausgelöst hat, sollte dieses Faktum nicht mehr ignoriert werden. Der Druck auf die Financiers, ihr Doppelspiel zu beenden, muss zunehmen – politisch und wirtschaftlich. Auch, wenn der Preis dafür ein höheres Umweltrisiko ist.

E-Mails an: jakob.zirm@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2015)

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