Das zuckersüße Versprechen des reichen Herrn Zuckerberg

Es ist völlig egal, warum der Facebook-Gründer sein Vermögen spendet. Nur Geld rettet die Welt. Und Unternehmer sorgen dafür, dass es genug davon gibt.

Ja, schon wahr: Wer ästhetisch feinfühlig ist, den muss diese Inszenierung nerven. Mit rosafarbenem Pathos setzt sich Mark Zuckerberg samt Gattin auf seiner großmächtigen Kontaktplattform in Szene: ein Foto der glücklichen Eltern und ein Brief, vorgeblich an die soeben geborene Tochter, Max, in Wahrheit an uns alle, die wir applaudieren sollen. „Du hast uns einen Grund gegeben, über die Welt nachzudenken, in der wir leben.“ Knurren ist erlaubt – war höchste Zeit für einen, der mit seinem Facebook das Kommunikationsverhalten der Menschheit verändert und dabei die Bollwerke von Privatsphäre und Datenschutz sturmreif schießt. Aber das Paar wünscht sich ja für den Säugling, dass er „in einer besseren Welt aufwächst“. Deshalb spendet der 31-Jährige fast sein ganzes Vermögen, mit einem aktuellen Wert von 45 Milliarden Dollar. Damit stellt der edle Jungspund selbst die alten Herren Bill Gates und Warren Buffett in den Schatten. Millionen Likes, tausende Gratulanten. Obwohl nur virtuell, dröhnt das Kreischen der Fans in den Ohren. Nein, dezent ist das nicht. Und warum muss das arme Mädchen Max heißen?

Aber uns sollte ein anderes Kreischen nachdenklich stimmen: die reflexhafte Kritik aus dem gar nicht so guten, alten Europa. Wie diese: „Der macht das doch nur aus Eitelkeit!“ Ob in den Tiefen der Seele von Herrn Zuckerberg Menschenliebe oder Geltungssucht obwalten, kann uns völlig egal sein. In der Öffentlichkeit als Guter zu gelten ist ein sehr menschliches Bedürfnis. Warum verweigern wir Unternehmern, was wir Politikern und Filmstars jederzeit zugestehen? In Amerikas Tradition überwiegen hier im besten Sinn liberale Motive. „Der Mann, der reich stirbt, stirbt in Schande“, urteilte der Großindustrielle Carnegie schon 1899 streng. Wer in den USA die Chancen nutzen konnte, die ihm das Gemeinwesen geboten hat, fühlt die Verantwortung, anderen mehr Chancen zu ihrer Entfaltung zu verschaffen. Auch den eigenen Kindern, die es nur ins Unglück stürzen würde, ein immenses Vermögen zu erben. Freilich neigt man in Übersee zur Übertreibung. Wenn Zuckerberg als Firmenchef alles tut, um den Fiskus um Steuern zu prellen, aber als Privatmann groß spendet, kann dahinter auch Verachtung für den Staat stecken – und damit für die Demokratie. Denn zu Ende gedacht, entscheidet nicht mehr die Gemeinschaft, wem wir helfen und wie wir die Welt gestalten, sondern reiche Gönner, die nach Gutdünken Almosen verteilen. Das wollen wir nicht, und hier hat Europas Sozialstaat bessere Schranken als Amerika eingebaut.


Nein, das Geld soll die Welt nicht regieren. Aber nur Geld kann die Welt retten: bei der Forschung gegen Krankheiten, dem Kampf gegen die Armut, dem Stoppen von Flüchtlingswellen. Einzig ein marktwirtschaftliches System mit innovativen Unternehmern schafft den dafür nötigen Reichtum. Dagegen sträuben sich die Reflexe der Kritiker. Tief drinnen hockt oft immer noch ein schlimmer Irrtum: dass, wer zu Geld kommt, ein Lump sei, oder bestenfalls das Opfer eines falschen Systems. Dass der Kapitalist den Proletarier beraube: „Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich“, wie es bei Brecht heißt. Wer so denkt, sucht sein Heil in einem übermächtigen Staat und empfindet jede große Spende als Unterhöhlung staatlicher Autorität. In Wahrheit aber liegt die größte Wohltat erfolgreicher Unternehmer gerade in ihrem erfolgreichen Unternehmertum. Dafür müssen wir sie nicht jeden Tag loben und preisen. Respekt statt Missgunst würde schon genügen. Es gilt, sie bei Laune zu halten, damit sie noch mehr Werte schöpfen. Dazu gehört: nicht mit zu hohen Steuern Widerstände wecken, und ihnen den Freiraum lassen, auch als Philanthropen die Gesellschaft ein wenig mitzugestalten. Sie sind ja kluge Leute, die zuweilen weiter als auf Wahltage fixierte Politiker blicken. Also: weniger verkrampfte Ideologie, mehr entspannter Pragmatismus.

Übrigens: Max steht kurz für Maxima, einen gebräuchlichen Mädchennamen. Mit 45 Mrd. lässt sich viel bewegen. Danke, Mark Zuckerberg. Manche Dinge sind doch einfacher, als man denkt.

karl.gaulhofer@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.12.2015)

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