Kühl gegen das Gebrüll

Die aktuelle Atmosphäre der Unsicherheit und Unzufriedenheit muss man bekämpfen, indem man eine eigene neue Stimmung kreiert. Wir, die in der Mitte, müssen kühl gegen das Gebrüll halten.

(c) Entwurf von Rem Koolhaas

Fakten zählen dieser Tage wenig bis nichts. Es geht um die Atmosphäre, um die Stimmung im Land. In Europa. Auf der Welt. Die Stimmung ist nicht gut, sondern wirklich schlecht. Standen nach 1945 mehrere Generationen für Aufbruch, Wohlstand, Wachstum und Zuversicht, ist nun die Angst vor Statusverlust, wirtschaftlicher Ungewissheit, Pessimismus und nicht selten Wut über die (politischen) Verhältnisse und Eliten zu spüren. Seit 2008 befinden sich weite Teile in einem Sog der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krise, an den Rändern der politischen Systeme punkten Demagogen. Wenn bei einer eben publizierten deutschen Umfrage die Anhänger zweier Parteien mit großem Abstand größeres Vertrauen in Wladimir Putin als in Angela Merkel haben, kann es sich nur um die Linke und die Alternative für Deutschland handeln, links und rechts-außen denken ähnlich. Wir, die in der Mitte, müssen da kühl dagegenhalten, auch das Gebrüll und die persönlichen Angriffe als das hinnehmen, was sie sind: Überforderung mit unserer Zeit, mit den Veränderungen, die wir bestehen müssen.

Wenn der von mir sehr geschätzte „Presse“-Kolumnist Kurt Scholz bei einem bemerkenswerten Zukunftssymposium in Graz – veranstaltet von den Spitzen der Landesregierung – darauf pocht, wie schön die vergangenen Jahrzehnte waren, wie gut es uns heute geht, und dass wir das nicht schlechtreden sollten, irrt er. Da draußen verändert sich die Welt, nicht nur digital, auch wirtschaftlich, militärisch und politisch. Zu glauben, wir könnten die Bruno-Kreisky-Jahre weiterleben, hilft lediglich, den einsetzenden Abstieg Österreichs, aber auch Europas zu beschleunigen.

An dieser Stelle kommt wieder die Stimmung ins Spiel. Um einen solchen massiven Wandel in der Gesellschaft durchzuführen und davon zu profitieren, braucht es einen entsprechenden Grundkonsens und einen Aufbruch. Die aktuelle Atmosphäre der Unsicherheit, Ängstlichkeit und Unzufriedenheit kann man nicht mit Fakten bekämpfen, meint der kluge deutsche Soziologe und Spezialist auf diesem Gebiet, Heinz Bude, sondern, indem man eine eigene neue Stimmung kreiert.

Das kann durch die Politik passieren – Barack Obama gelang das so gut, dass die Erwartungen dann zum Teil wieder enttäuscht wurden. Aber bevor an dieser Stelle von Christian Kern und Sebastian Kurz allzu viel verlangt wird, was sie angesichts mächtiger Landeshauptleute, verfeindeter Parteien und absurder Strukturen nicht liefern können: Fangen wir doch bei uns selbst an. Einen Hauch mehr Optimismus, weniger Zynismus. Und vor allem: Wir sollten die Menschen vorbehaltlos loben, die uns vorangehen: als kommerziell erfolgreiche Unternehmer, als Forscher, als Künstler und als Menschen, die anderen uneigennützig helfen. Wir zeichnen mit unserer Austria'16 ein paar von ihnen aus. Da draußen sind aber noch viel mehr Österreicher und Europäer, die für eine bessere Stimmung arbeiten. Schließen wir uns ihnen doch einfach an.

Die Illustration

EU-Flaggencode. Der niederländische Architekt Rem Koolhaas entwarf 2002 auf Einladung der EU-Kommission eine neue Europaflagge unter dem Motto „Diversität und Einheit“. Die Flagge erinnert an einen Barcode und besteht aus den Fahnen aller EU-Mitgliedsstaaten, ursprünglich geordnet von West nach Ost. Der Flaggencode wurde später um neue Mitgliedsländer ergänzt und 2006 auch als offizielles Logo der österreichischen EU-Ratspräsidentschaft verwendet. Der damalige Bundeskanzler, Wolfgang Schüssel, hatte Koolhaas um die Zusammenarbeit gebeten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2016)

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