Und jetzt muss Sebastian Kurz die Konkursmasse sanieren

Wenn die ÖVP ihrer letzter Hoffnung nicht alle Macht gibt, kann sie sich gleich auflösen. Wenn Christian Kern glaubt, was er sagt, muss man sich sorgen.

Es ist das Schicksal der ÖVP-Chefs in der jüngeren Geschichte: Nach kurzer Euphorie werden sie von SPÖ, von der eigenen Partei und den Medien abgeschrieben und als Schwächling verhöhnt. Nach endloser Qual geben sie dann auf und haben noch einen letzten Auftritt, bei dem dann die gleichen Journalisten mit Krokodilstränen in den Augen Grandezza beim Abtretenden endecken, die am Vorabend noch dessen schlechte Konstitution und Einsamkeit zynisch kommentierten.

Das war bei Wilhelm Molterer so. Das war bei Josef Pröll so. Das war bei Michael Spindelegger so. Das war bei Reinhold Mitterlehner so.

Bei seinem tatsächlich guten, weil authentischen Auftritt schwang Bitterkeit und Frustration zwar mit, aber der Mann bewies, dass er zumindest an diesem Tag Ironie besser einsetzen konnte als vor kurzem unser Staatsoberhaupt. Und ja, die Umgangsformen mit Menschen in der Politik durch Gegner und manche Medien sind verachtend und inakzeptabel. Das wird immer stärker dazu führen, dass sich nur ideologische Gesinnungstäter und empathielose, schmerzbefreite Roboter-Typen diese Jobs antun werden – insbesondere den des ÖVP-Obmanns.

Umso erstaunlicher ist es eigentlich, dass ausgerechnet Sebastian Kurz bereit wäre, diese – rein statistisch gesehen – auf jeden Fall unattraktive Position zu übernehmen. Der Mann ist populär, gilt als ein Kommunikationsgenie, beweist enormen politischen Instinkt und hat einen wunderbaren Job als Außenminister. Und im Gegensatz zu vielen älteren Politikern hätte er mit 30 im echten Leben da draußen noch eine schöne, besser bezahlte Zukunft vor sich. Ohne die beiden vergleichen zu wollen und zu können: Laura Rudas, deren Zeit in der SPÖ nicht gerade ruhmreich verlaufen war, lebt heute nahe San Francisco privat wie beruflich im Glück und kann sich wohl gar nicht mehr vorstellen, wie sie sich einst für Werner Faymann und die Partei um ihr Leben redete.

Aber Kurz scheint die seltene Kombination aus machtpolitischem Talent und political animal zu sein und ist nun am Sprung an die Parteispitze. Den können die aufhalten, die bisher jede notwendige Strukturreform verhinderten: Landesfürsten, Vertreter der politischen Parallelgesellschaft genannt Bünde und solche, die immer nur andere Wahlen gewinnen (selten) oder verlieren (oft) lassen.

Die ÖVP ist da ein bisschen wie Österreich: Landesparteien und Bünde hier, Bundesländer und Sozialpartner da verhindern jede Veränderung schon aus Prinzip und zwecks Machtdemonstration. Bekommt Kurz in diesem gerade angebrochenen machtpolitischen Mondfenster die Generalvollmacht nicht, kann er die Partei nicht ändern und sollte die Truppe ohne mit der Wimper zu zucken im Regen stehen lassen. Bekommt er sie, hat er zumindest bessere Chancen als die Vorgänger, die schon fast eine Fußballmannschaft bilden könnten. Die nicht gerade dezent angebrachte Kritik Mitterlehners an Kurz ist menschlich verständlich. Aber: Wer keine gute Zahlen liefert, muss gehen, das ist in der Politik so, das ist in der Wirtschaft so. Das müsste der zuständige Minister eigentlich wissen.

Christian Kerns Hoffnung, er könnte sich ein direktes Duell mit Kurz ersparen, da der zuvor noch stolpern würde, ist erloschen. Kerns Einladung an Kurz zu einer konstruktiven Zusammenarbeit und Reform von Österreich ist aber putzig bis zynisch. Die gesamte Partei pflegt dieser Tage den direkten Angriff auf Kurz als liebstes Hobby, Heinz-Christian Strache gilt da im Vergleich fast schon als Buddy. Und vorsichtig formuliert: Die Reformbegeisterung in Teilen der SPÖ scheint überschaubar. Oder gibt es etwa geheime Protokolle von Alois Stöger, die wir nicht kennen?

Nein, das Duell der beiden K-Männer rückt näher. Kurz könnte mutiger als Kern Wahlen nach der alten Legislaturperioden-Regelung im Herbst wirklich wagen und argumentieren. Es wird hart, persönlich und mit vielen Kollateralschäden über die Bühne gehen. Aber ohne auf die Vorgänger der beiden Herren noch einmal näher eingehen zu wollen: SPÖ und ÖVP haben oder bekommen nun Chefs aus einer anderen politischen Liga. Schlecht?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.05.2017)

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