Leitartikel

Zenmeisterin Merkel und der entzauberte SPD-Messias

Die deutsche Kanzlerin hat von Martin Schulz und der Bundestagswahl nichts mehr zu befürchten. Dabei ist nicht alles zum Besten bestellt in Deutschland.

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(c) APA/AFP/ODD ANDERSENERSEN)

Vor nicht einmal einem halben Jahr machte die Mär von der Merkel-Müdigkeit die Runde. Die deutsche Regierungschefin schien sich langsam, aber sicher ihrem Ablaufdatum zu nähern. Zumindest schrieben das Medien von Berlin bis München herbei. Im Februar noch brannte das Strohfeuer, das rund um den vermeintlichen neuen SPD-Heiland Martin Schulz entfacht worden war, lichterloh. In Umfragen überholten die Sozialdemokraten die Union sogar zeitweilig. Doch das ist eine gefühlte Ewigkeit her und auch der zarte Hauch einer Wechselstimmung längst verflogen. Dem Schulz-Hype entwich schon nach kurzer Zeit die heiße Luft. Seine Wahlkampagne liegt am Boden wie ein schlaffer Ballon.

Angela Merkel kann ihr traditionelles Sommerprogramm in aller Ruhe genießen: Wanderurlaub in Südtirol, Festspiele in Salzburg und Bayreuth. Sie hat von der Bundestagswahl am 24. September nichts zu befürchten. Ihre Union kratzt mittlerweile wieder an der 40-Prozent–Marke, während die SPD in den Tiefflugmodus unter 25 Prozent zurückgekehrt ist.

Der plötzliche Messias-Status von Schulz war nie sonderlich überzeugend. Wer vom Mann aus Würselen Wunderdinge erwartete, saß von Beginn an einer Täuschung auf. Nach den reihenweisen Niederlagen bei den Landtagswahlen im Frühjahr war sein Nimbus weithin sichtbar perdu. Die Sozialdemokraten haben unter seiner Führung alles verloren, was es zu verlieren gab, erst im Saarland, dann in Schleswig-Holstein und Mitte Mai auch noch gegen den farblosen CDU-Funktionär Armin Laschet im einstigen roten Kernland Nordrhein-Westfalen. So baut man kein Gewinnerimage auf. Am Freitag setzte es den nächsten Rückschlag: In Niedersachsen lief eine grüne Abgeordnete zur CDU über – und kippte damit die Mehrheitsverhältnisse und die Regierung von SPD-Ministerpräsident Stephan Weil.

Mit der Zuversicht einer Schlafwandlerin hat Angela Merkel ihre Partei rechtzeitig vor der Bundestagswahl geeint und zurück auf die Siegerstraße geführt. Fast vergessen sind die internen Querelen während der Flüchtlingskrise, die Querschüsse aus Bayern, die polarisierte Stimmung im ganzen Land. Damals hatte Merkel viel von ihrem politischen Kapital verspielt. Es war einsam um sie geworden. Nicht jeder konnte verstehen, warum Merkel eine Million Flüchtlinge unkontrolliert ins Land ließ. Doch sie blieb ungerührt am Steuer. In der eigenen Partei wagte keiner den Aufstand, denn alle wussten, dass ohne sie die Macht für die Christdemokraten noch viel schwerer zu halten wäre.

Buddhagleich hat Merkel wieder einmal ihre Kraft in der Ruhe gefunden. Sie ist die Zenmeisterin der Politik, sie vermeidet jegliche unnötige Bewegung. Angriffen weicht sie vorzugsweise aus. Kritik schweigt sie nieder. Sollen in glimpflichen Situationen andere hektisch werden. Merkel verliert nie die Nerven. Sie macht einfach die Raute. So schläfert die Langzeitkanzlerin ihre Gegner ein, und Deutschland gleich mit dazu. Sie wirkt wie Baldrian in den manischen Zeiten von Donald Trump und Wladimir Putin. Merkel ist eine berechenbare Größe, eine unaufgeregte Stimme der Vernunft in einer turbulenten Krisenära, in der sich Gewissheiten auflösen und globale Kräfteverhältnisse mit tektonischer Wucht verschieben. Das mag ein Grund für viele Deutsche sein, Stolz zu empfinden und Merkel wiederzuwählen. Tiefer wahrscheinlich noch gründet die Zufriedenheit mit ihr in der guten wirtschaftlichen Lage, in der sich das Land nach wie vor befindet.

Das kann sich rasch wieder ändern. Denn nicht alles läuft nach Plan. Deutschland hinkt bei der Digitalisierung hinterher, die Autoindustrie zeigt erste Lähmungserscheinungen, auch die Infrastruktur vertrüge da und dort Auffrischungen. Ganz zu schweigen von der Integrationsaufgabe, die nach dem Massenzuzug des Jahres 2015 noch gewachsen ist. Doch all das wiegt offenbar nicht schwer genug, um Merkel aus dem Sattel zu heben. Angriffsfläche böte sie vielleicht rechts der Mitte, nicht links. Pech für Martin Schulz. Der SPD-Chef dürfte allerdings ohnehin nicht der Mann sein, dem die Deutschen freiwillig die Zügel in die Hand geben wollen.

E-Mails an: christian.ultsch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2017)

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