Leitartikel

Warum wird nur Suu Kyi wegen der Gräuel in Burma kritisiert?

Die Empörung über das Schweigen der Friedensikone zu Massenmorden an Muslimen ist verständlich, Strafen gegen die Armee wären aber wirkungsvoller.

Kinderleichen, die von Flüssen angeschwemmt werden, viele ohne Kopf. Alte Menschen mit durchgeschnittenen Kehlen, die neben ihren niedergebrannten Häusern liegen. Soldaten, die brüllend durch Dörfer ziehen, Mädchen und Frauen vergewaltigen und lachend junge Männer bei lebendigem Leib verbrennen. Verschreckte Kinder, Frauen, Männer, die sich im Dschungel vor schwer bewaffneten Militärs verstecken und dort verhungern. Väter, Mütter, Großeltern, die ihre Kinder packen und nur an das eine denken: Weg, nur weit, weit weg von hier.

Szenen wie diese gehören derzeit zum Alltag der muslimischen Rohingya-Minderheit in Burma (Myanmar). Nach Wochen des Zögerns hat nun auch die UNO dieses systematische Töten der burmesischen Armee endlich beim Namen genannt und bezeichnet die Massaker korrekterweise als „Lehrbeispiel für ethnische Säuberungen“. Verständlich ist auch die weltweite Empörung über Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, die De-facto-Regierungschefin Burmas. Erst schwieg sie lang zu den Morden, dann redete sie sie klein, jetzt sagt sie ihre Anwesenheit bei der UN-Vollversammlung ab.

Keine Frage, die „Lady“ hat ihre Fans bitter enttäuscht. Galt sie doch als Ikone der Demokratiebewegung, diese zarte und zugleich beinharte Frau, die in Burma jahrzehntelang verbissen der Militärjunta die Stirn geboten und für ihren Freiheitskampf alles geopfert hatte: ihre Freiheit, ein Leben mit Söhnen und Ehemann. Hunderttausende wollen ihr nun sogar den Friedensnobelpreis entziehen, da sie mit ihrem Schweigen das grauenhafte Morden rechtfertige. Andere fordern zurecht wütend, dass sie endlich die Gräuel stoppen solle – oder dass sie zumindest in Worten das Vorgehen der Armee verurteilen müsse.

Und trotzdem stellt sich die Frage: Ist es fair, nur Aung San Suu Kyi verantwortlich zu machen? Diese Frau ist einflussreich, zweifellos. Aber sie ist nicht allmächtig. Und schon gar nicht ist sie eine Art politischer Messias für Burma. Die „Lady“ ist einfach nur eine Politikerin, die um ihr politisches Überleben kämpft. Und das in Burma: in einem von religiösem Extremismus, Autoritarismus und blutigen Minderheitenkonflikten geplagten Land. 2015 wurde zwar gewählt, aber das bedeutet noch lang nicht, dass sich demokratische Prinzipien schon durchgesetzt haben. Das Land geht zögerlich seine ersten Schritte der Freiheit – steht aber auf wackligen Beinen. Viele vergessen, dass es die Militärjunta war, die die Öffnung zuließ, um Wirtschaftssanktionen loszuwerden. Und dass den Preis dafür die Generäle selbst bestimmten: Sie sicherten sich die Kontrolle über zentrale Ressorts, etwa in der Innen- und Sicherheitspolitik.

Nach jahrzehntelanger Militärdiktatur bleibt die Armee also weiterhin der eigentliche Machtfaktor. Immer mehr an Einfluss gewinnen die Nationalisten, die radikalen Buddhisten, angeführt vom Hassprediger-Mönch Ashin Wirathu. Vor wenigen Tagen beschrieb Wirathu die Rohingya als „Tiere, die mit dem Hintern fressen“. Seine Bewegung arbeitet mit der Armee zusammen und ist populär.

Suu Kyi wusste schon im Wahlkampf: Jedes einzelne Solidaritätswort für die Rohingya (die ohnehin nicht wählen dürfen) kostet Tausende Stimmen. Vermutlich denkt sie sich auch jetzt: Wegen der Rohingya werde sie nicht ihren wackligen Posten und somit ihren jahrzehntelangen Machtkampf aufs Spiel setzen.


Freilich entzaubert dieser eiskalte Opportunismus die einstige Friedensikone. Zudem ist er politisch äußerst unklug: Durch ihr Schweigen verliert Suu Kyi langfristig intern an Glaubwürdigkeit. Wer wird ihr jetzt noch abnehmen, dass sie die Prinzipien der neuen Verfassung wirklich ernst nimmt, die sie selbst mitgeschrieben hat und in der ausdrücklich von Minderheitenschutz und Rechtsstaat die Rede ist? Klare Worte würden den Burmesen zeigen, dass sie ihr leidgeprüftes Land wirklich erneuern will.

Noch wirkungsvoller aber wäre starker Druck von außen. Statt ständig über Suu Kyi zu klagen, sollte die internationale Gemeinschaft die Drahtzieher der Morde bestrafen: die Generäle. Möglich wären Handelssanktionen gegen Firmen, die von Generälen kontrolliert werden. Auf Geldentzug reagierten Burmas Armeekader schon früher sensibel.

E-Mails an: susanna.bastaroli@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.09.2017)

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