Leitartikel

Der Dollar hat China groß gemacht, jetzt will Peking ihn loswerden

Die Chinesen haben von der US-Währung lang profitiert und Washington gestützt. Aber seit der Krise wächst die Kritik. Peking will sich selbst etablieren.

China möchte mehr sein als bloß Amerikas Fabrik.
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China möchte mehr sein als bloß Amerikas Fabrik.
China möchte mehr sein als bloß Amerikas Fabrik. – (c) Bilderbox

Anleihenmärkte sind selten Stammtischgespräch. Sollten sie aber sein. Hinter den großen Zahlen und komplizierten Begriffen versteckt sich die spannendste Geschichte der Welt. Hier prallen die Interessen der großen Machtblöcke aufeinander. Nirgendwo sonst wird Politik so konkret in Zahlen gegossen. Jeder will für sich den besten Deal rausholen – ohne das große Ganze zu gefährden. Da wird gekämpft und paktiert, strategisch operiert und geopolitisch interveniert. Auf den Anleihenmärkten entscheidet sich das Schicksal von Staaten und Währungen – und jener Menschen, die in diesen Staaten leben und diese Währungen nutzen.

Jeder sollte hinhören, vom Bundeskanzler bis zum Busfahrer, wenn in China zu diesem Thema gesprochen wird. Wenn die Chinesen sagen, dass sie möglicherweise keine US-Staatsanleihen mehr kaufen wollen. Denn die Chinesen sitzen auf den größten Dollarreserven der Welt. Sie haben den Dollar lang gestützt und gekauft. Jetzt denken sie über einen Kurswechsel nach. Ein Konflikt zwischen Peking und Washington? Ja. Aber auch für Europa geht es um sehr viel.

Es hat schon einen Grund, dass amerikanische Ökonomen den Euro unisono ablehnen und bei jeder Gelegenheit über die Gemeinschaftswährung der Europäer schimpfen. Dank des Euro müssen die Europäer schon seit knapp 20 Jahren viel weniger US-Staatsanleihen halten als früher. Denn sie können mit der eigenen Währung Handel treiben und Rohstoffe wie etwa Öl einkaufen. Die Begeisterung für die eigene Sache war zum Euro-Start in Europa so groß, dass man sogar an einen raschen Triumph des Euro über den Dollar geglaubt hat. An einen Machtwechsel an der Spitze der Weltwährungscharts.

Aber das war freilich Illusion. Was die Europäer während der extrem langen Euro-Planung, die schon in den 1960er-Jahren losgegangen ist, nicht haben kommen sehen, war der Aufstieg Chinas. Als Berlin, Paris, Rom und Madrid den massenhaften Kauf von US-Staatsanleihen langsam auslaufen ließen und somit die Finanzierung der amerikanischen Dollar-Maschine gefährdeten, schlug Pekings große Stunde. Die Amerikaner waren nach 1971 nicht untätig gewesen, als Präsident Richard Nixon die Bindung der Weltwährung Dollar vom Gold löste, was die Europäer sehr verärgern sollte. Im selben Jahr war sein Außenminister, Henry Kissinger, heimlich in Peking, um mit den bis dahin geschassten Kommunisten Kontakt zu suchen. 1972 folgte der historische Staatsbesuch Nixons in China. „Eine Woche, die die Welt verändert“, sagte Nixon damals über seine Visite. Wie sehr er recht behalten sollte.

Heute kann jedermann das Ergebnis mit freiem Auge sehen: Das aufstrebende China hat die Finanzierung des US-Staatshaushalts von den Europäern übernommen. Im Gegenzug ist die amerikanische Industrie Stück für Stück nach Asien ausgewandert. Die Amerikaner kaufen Billigprodukte mit Dollars, die dann wieder in US-Staatsanleihen wandern. Ein perfekter Kreislauf, der jahrzehntelang gut funktioniert hat.


Aber beide Seiten sind mit dem Deal nicht mehr zufrieden. US-Präsident Donald Trump spricht oft darüber, die eigene Industriebasis wieder aufzubauen. Und seit der Finanzkrise haben sich chinesische Offizielle mehrmals kritisch über die Dominanz des Dollars geäußert. China will auch raus aus dem Billigsektor, mehr sein als bloß Amerikas Fabrik.

Peking sucht jetzt die Nähe zu Europa und will mit der Neuen Seidenstraße gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Die Dollars aus den Reserven sollen in langfristige Infrastrukturprojekte fließen, die Chinas Einfluss auf der eurasischen Landmasse vergrößern. Gleichzeitig will man es den Europäern nachtun und die eigene Währung als Nummer drei auf dem Weltmarkt etablieren. Von heute auf morgen wird freilich nichts passieren. Der Dollar sitzt fest im Sattel. Sogar Kissinger ist immer noch diplomatisch unterwegs. Und die Anleihenmärkte bewegen sich so langsam wie tektonische Platten. Aber Chinas Andeutung, möglicherweise keine US-Staatsanleihen mehr kaufen zu wollen, war zumindest ein Vorbeben. Eine Warnung.

E-Mails an: nikolaus.jilch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2018)

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