Leitartikel

Gut, dass der braune Untergrund nun offengelegt wird!

Menschen, Vereine, Parteien können sich bessern, zivilisieren. So sollte man auch der FPÖ zutrauen, dass sie sich von NS-Resten befreit. Es muss sein.

Gebäude der Buschenschaft Olympia
Gebäude der Buschenschaft Olympia
Gebäude der Buschenschaft Olympia – APA/AFP/JOE KLAMAR

Die Regierungsbeteiligung der FPÖ hat ein paradoxes Ergebnis gebracht: Sie hat eine weitere, vielleicht die letzte Phase der Entnazifizierung Österreichs eröffnet. Ja, viele haben geahnt, manche sogar gewusst, was sich im bräunlichen Untergrund abspielt. Doch man hat es gern verdrängt, verständlicherweise: Sitten und Bräuche rechtsextremer Burschenschaften wirken auf nicht von altem Bier getrübte Augen ja nicht nur empörend, sondern auch peinlich. Wenn auf der Homepage – Verzeihung: Heimseite – der laut Selbstbeschreibung „schärfsten Burschenschaft“ Olympia neben grimmigen Gesichtern in knorriger Fraktur „Der rechte Weg“ geschrieben steht, dann reizt das nicht nur zum Ärgern, sondern auch zum Lachen.

Es ist leider nicht nur lustig. Gewiss, Deutschnationalismus ist nicht mit Nationalsozialismus gleichzusetzen; und es ist okay, sich zur deutschen Kulturgemeinschaft zu bekennen. (Wenn „deutsche Werte“ verlangt werden, darf man schon fragen, was denn diese auszeichnen soll.) Aber wenn zum Beispiel die Homepage der Wiener Teutonia unter dem Stichwort „Patriotische Politik“ mit einer Seite namens „Der deutsche Osten“ verlinkt ist, auf der Ostpreußen, Schlesien, Pommern etc. angeführt sind, ist das mehr als nur anachronistisch. Mit den „Idealen von 1848“, die Verteidiger der Burschenschaften – bisweilen wohl zu Recht – sehen wollen, lässt sich das nicht rechtfertigen.

Niemand wird Burschenherrlichkeit pauschal verdammen oder das schöne Lied „Gaudeamus igitur“ bannen. Allerdings darf man auch einmal jenen widersprechen, die erklären, dass Burschenschaften, auch schlagende, noch in den Achtzigerjahren zum normalen Bild österreichischer Universitäten gehört hätten. Der Autor hat damals – mit meist offenen Augen – an der Wiener Universität Chemie studiert und ist dort nie von solchen skurrilen Vereinen behelligt worden. Hätte ein Kollege sich mit einer Studentenmütze oder gar mit Degen gezeigt, wäre ihm Spott sicher gewesen.

Und doch haben diese Verbindungen, und zwar offenbar besonders die anstößigen, es geschafft, einen beträchtlichen Teil des Personals einer Parlamentspartei zu stellen, die jetzt in der Regierung ist. Das stimmt bitter, aber man kann es auch positiv sehen: So kommt einiges ans Tageslicht, was sonst verborgen geblieben – und womöglich gewachsen – wäre. Dass eine Burschenschaft namens Leder mit einem Gemälde des nationalsozialistischen Malers Wolfgang Willrich („Die arische Familie“) gegen Homosexuelle agitiert, war an der Montan-Uni Leoben offenbar bekannt und geduldet, nun sehen sich die Vertreter dieses Vereins zur Erklärung genötigt, sie hätten halt nicht gewusst, dass Willrich ein Parade-Nazi war. Arme einfältige Bemützte!


Ist eine Läuterung möglich? Darf man hoffen, dass die Aufarbeitung, die FP-Chef Strache ankündigt, stattfinden wird? Ja. Menschen, Vereine, Parteien können sich bessern, zivilisieren, entradikalisieren, das lehrt die Geschichte. Und man kann auch Menschen wie Strache – der immerhin die Neonazi-Nähe seiner Jugend überwunden hat – einen gewissen Vertrauensvorschuss schenken. Natürlich mag beim Vorhaben, die FPÖ von NS-Spuren, womöglich gar von Rechtsextremismus zu befreien, Opportunismus mitschwingen, und auch der Wunsch, an der Macht zu bleiben, aber das heißt nicht, dass es zum Scheitern verurteilt ist. Der Drang mitzuspielen, nicht am Rand der Gesellschaft zu stehen, ist bei Individuen ein mächtiges, die Integration förderndes Motiv – warum nicht auch bei politischen Parteien?

Und die Alternative ist unerträglich: dass eine Partei, die ein Viertel der Wähler anzieht, sich weiterhin nicht klar gegen nationalsozialistische Positionen abgrenzt – und wenn man ihr das vorwirft, mit dem aus der Waldheim-Affäre bekannten Slogan „Jetzt erst recht“ reagiert. Vor 30 Jahren hat auch die Empörung über diesen Spruch (den damals übrigens die ÖVP verwendete) die Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit Österreichs beschleunigt. Ähnliches könnte sie heute leisten – gemeinsam mit dem Vertrauen darauf, dass der Nazi-Sumpf, der noch da und dort im Untergrund dieses schönen Landes blubbert, trockengelegt werden kann.

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2018)

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