Leitartikel

Der globale Wirtschaftskrieg wird noch mit Platzpatronen geführt

Die kriegerische Rhetorik passt nicht wirklich mit den gesetzten Maßnahmen zusammen, die nur einen verschwindend kleinen Teil des Handels betreffen.

Nur sechs Prozent der Stahlimporte kommen aus der EU.
Nur sechs Prozent der Stahlimporte kommen aus der EU.
Nur sechs Prozent der Stahlimporte kommen aus der EU. – REUTERS

Donald Trump setzt die Strafzölle auf Stahl und Aluminum also in Kraft und eröffnet damit – ja, was eigentlich? Den globalen Handelskrieg? Der, wie es gestern hieß, „Zehntausende“ Jobs in der europäischen Stahlindustrie gefährdet?

Es wird Zeit, dass wir von der Kriegsrhetorik wieder herunterkommen und zur Alltagsgelassenheit finden, wie sie die Finanzmärkte schon seit Wochenbeginn vorexerzieren. Wenn wir nämlich auf die nackten Fakten schauen und sie mit der Trump'schen Rhetorik und den Antworten aus Europa und China vergleichen, dann sehen wir: Wenn das der Wirtschaftskrieg ist, dann wird er mit Platzpatronen geführt. Das sieht eher nach normalem Geplänkel zwischen den großen Wirtschaftsblöcken aus. Garniert mit nach innen gerichtetem Gepolter des US-Präsidenten, der seinen Wählern irgendwie sein „America first“ beweisen muss.

Sehen wir uns einmal an, was wirklich passiert ist: Die USA werden demnächst für Stahleinfuhren 24 und für Aluminiumimporte zehn Prozent Zoll verlangen. Richtet sich angeblich gegen China und die EU. Nur: Die beiden Regionen spielen bei den US-Stahlimporten eine sehr kleine Nebenrolle. Sechs Prozent der Stahlimporte kommen aus der EU. Etwas mehr als ein Prozent aus China.

Natürlich werden das einzelne Stahlerzeuger zum Teil unangenehm spüren. Aber: Von den 1279 Milliarden Euro Gesamtexportvolumen Deutschlands entfallen nur etwas mehr als drei Milliarden auf Stahlausfuhren in die USA. Also heiße 0,23 Prozent. Das soll der große Erstschlag in einem globalen Wirtschaftskrieg sein?

Ausgenommen von den Strafzöllen sind übrigens dezidiert Kanada und Mexiko, die zusammen fast ein Drittel der US-Stahlimporte ausmachen und damit Hauptlieferanten sind. Was beweist: Trump mag nicht die hellste Kerze auf der weltpolitischen Torte sein, aber dämlich ist er auch nicht. Zoll auf Stahlimporte verteuert nämlich die Autoproduktion – und da verstehen die US-Konsumenten, also auch die Trump-Wähler, relativ wenig Spaß.

Die ganze Stahlgeschichte, so bedauerlich sie im Sinn des Freihandelsgedankens ist, sieht also weniger nach ganz großem Protektionismusanfall und mehr nach Schaffen einer guten Ausgangsposition für Gespräche über den Abbau der enormen Handelsdefizite der USA mit China und der EU aus.

Aber wenn die Strafzölle, wie angedroht, auf Autos ausgedehnt werden? Dann würde das die Deutschen schon stärker treffen. Allerdings: Die großen deutschen Autokonzerne sind allesamt mit großen Werken in den USA vertreten, können also relativ flexibel reagieren. Und: Auch die Autolieferungen aus den USA in die EU sind nicht ohne. Eben wegen dieser europäischen US-Fabriken, die SUVs für den Weltmarkt produzieren. Der größte Exporteur von in den USA gefertigten Autos ist ja – BMW.


Man sieht: Es ist alles sehr kompliziert. Und die Weltwirtschaft ist ein bisschen zu verflochten, um echte Handelskriege vom Zaun brechen zu können, ohne sich selbst dabei geradewegs ins Knie zu schießen. Natürlich: Möglich ist alles. Schon einmal in der Geschichte, zum Ende des 19. Jahrhunderts, hat dumpfer Hurra-Nationalismus ohne Rücksicht auf Verluste die Globalisierung gestoppt. Am Ende der Entwicklung stand dann der Erste Weltkrieg. So weit wird es hoffentlich nicht kommen. Zumal Trump ja auch von seinen eigenen Parteikollegen – unterdessen sind es schon mehr als 100 – eingebremst wird.

Derweil können wir hier anfangen zu überlegen, ob wir das Gut/Böse-Schema (schlimme USA, arme, gute, freihandelsorientierte EU) aufrechterhalten können. Die EU beispielsweise hat allein gegen China derzeit 56 Antidumpingzölle laufen, darunter, bingo, gegen Stahleinfuhren. Und die Zölle, die Europa auf aus den USA importierte Autos einhebt, sind exakt viermal so hoch wie die, die europäische Autobauer beim Export in die USA berappen.

Wir haben es bei den US-Maßnahmen vorerst durchaus mit business as usual zu tun. Gewürzt freilich mit saftiger Kriegsrhetorik. Letztere ist viel gefährlicher als ein Nadelstichzoll. Also: Bitte abrüsten.

E-Mails an: josef.urschitz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.03.2018)

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