Leitartikel

Zuerst war das Ei, dann die Handelsketten

Die EU müsste Bauern nicht so stark fördern, würden diese faire Preise erhalten und nicht das schwächste Glied in der Wertschöpfungskette bilden.

Immer mehr landwirtschaftliche Betriebe schließen. 1990 waren es in Österreich noch 282.000, zuletzt nur noch 162.000. Die Gründe sind nicht nur die bürokratischen Auflagen oder eine kontinuierliche Landflucht. Einer der wichtigsten Faktoren für die Resignation wird oft vergessen: Es ist die mangelnde Wertschätzung für eine Berufsgruppe, die nicht weniger als die Grundlage unserer Existenz – Lebensmittel – produziert. Diese Wertschätzung wird den Bauern unter anderem entzogen, weil sie mittlerweile zu einem Großteil von Subventionen leben müssen. Wer einen dieser hart arbeitenden Menschen fragt, was ihnen lieber wäre, bekommt die Antwort, dass sie lieber ohne Förderungen produzieren würden, dafür zu fairen Abnehmerpreisen. Wenn Bauern für ein Ei oder einen Liter Milch nur wenige Cent erhalten, kränkt das verständlicherweise ihren Stolz.

Ein Grundproblem dieser Entwicklung ist, dass Bauern in der Wertschöpfungskette zum schwächsten Glied geworden sind. Eine Handvoll Handelsketten dominiert in Österreich den Markt. Es mag zwar verständlich sein, dass diese knapp kalkulieren, die Preise ihrer Zulieferer gering halten wollen. Doch wenn sie gleichzeitig Waren nach Belieben zurückschicken, wenn verarbeitende Betriebe und die Landwirtschaft sogar Kosten für die Bewerbung neuer Produkte mittragen, sich an Rabatten beteiligen müssen, wenn sie selbstverständlich einige Prozent mehr liefern müssen, als sie verrechnen dürfen, dann gibt es hier eine schamlose Ausnutzung einer Abhängigkeit.

Subventioniert die EU mit insgesamt rund 60 Milliarden Euro pro Jahr eigentlich nicht mehr die Bauern, sondern die Einzelhandelsketten? Seriös ist diese Frage schwer zu beantworten. Denn es gibt dafür nur Indizien. So ist es etwa ein Faktum, dass die Lebensmittelpreise zwar insgesamt stetig steigen, den Bauern davon aber immer weniger bleibt. Während von 1995 bis heute der Anteil für Bauern am Endpreis von 31 auf 21 Prozent sank, stieg der Anteil des Groß- und Einzelhandels von 38 auf 51 Prozent.

Es sind allerdings nicht allein die Handelsketten, die hier Schuld tragen, es sind auch die Konsumenten. Denn ihr Kaufverhalten bei Lebensmitteln ist dafür mitverantwortlich, dass hauptsächlich mit hohem Preisdruck produziert wird. Wären sie mehrheitlich bereit, für mehr Qualität mehr zu bezahlten, würde sich auch das Angebot verändern. Und mit höherer Qualität, das belegen Erfahrungen im Milchsektor, würden die eigentlichen Produzenten auch mehr erhalten.

In der aktuelle Situation gibt es für Bauern also nur drei Optionen: Sie expandieren zu Großbetrieben, in denen sie Massenware zu günstigsten Preisen herstellen, sie geben auf und schließen ihren Betrieb, oder sie suchen sich eine Nische. Denn was etwa im Weinsektor längst funktioniert, beginnt auch im Lebensmittelsektor zu greifen. Wer höchste Qualität produziert, kann dafür gute Preise verlangen – am besten über Eigenvermarktung. Auf der Strecke bleiben allerdings jene konventionellen Betriebe, die schlicht weiterarbeiten wollen wie bisher.

Wenn demnächst über das nächste EU-Budget verhandelt wird, werden erneut Argumente vorgebracht werden, warum Agrarsubventionen nicht gekürzt werden dürfen. Aber es ist eine Illusion, dass EU-Gelder die angeführten Ungerechtigkeiten ausgleichen können. Die Subventionen könnten sogar gekürzt werden, wenn alle dafür sorgen, dass eine faire, marktgerechte Preisgestaltung in der Lebensmittelproduktion zur Selbstverständlichkeit wird.

Auch ein psychologisches Element mag mitspielen: Wenn die großen Einzelhandelsketten nämlich glauben, wegen EU-Subventionen ihre Einkaufspreise nicht allein abdecken zu müssen, können sie ihren Preisdruck leichter rechtfertigen. Sie können das Faktum übertünchen, dass sie schlicht eine marktbeherrschende Position ausnutzen. Rewe, Spar und Co. sollten respektvoller mit ihren Zulieferern umgehen: Denn zuerst waren da der Bauer und sein Ei, bevor Jahrtausende später Handelsketten entstanden. Ohne Bauern gäbe es sie nicht.

E-Mails an: wolfgang.boehm@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.04.2018)

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