Leitartikel

Vier Wochen im Abseits

Die Fußball-WM in Russland sucht ihre neuen Sieger. Österreich ist seit 1998 nicht dabei und uneins. Weiter Córdoba preisen oder auf die WM 2026 setzen?

FIFA World Cup 2018
FIFA World Cup 2018
FIFA World Cup 2018 – GEPA pictures

Die Fußball-WM ist nach den Olympischen Winterspielen 2014 das zweite Großereignis in Serie, das in Russland stattfindet. Geld spielte nach den Rekordausgaben in Sotschi mit 35 Milliarden Euro erneut keine Rolle. Es ist die teuerste WM der Geschichte, kolportierte zehn Milliarden Euro sind im Spiel. Dazu kamen die üblichen Bedenken vor Großevents, die mit dem heute in Moskau erfolgenden Anpfiff in den Hintergrund geraten.

Ob Boykottdrohungen, Menschenhandel, Terrorismus, Dopingkrise, Krim-Annexion, Sanktionen oder Hacker- und Giftattacken: Vorwürfe und Vorfälle, die mit Russland in Zusammenhang stehen, gibt es sonder Zahl. Mit dem Eröffnungsspiel verstummen diese Themen vorerst. Für die Dauer großer Sportevents scheint es keine Negativereignisse mehr zu geben. Dann rücken Leistungen und die Geschichten derer, die sie tatsächlich erbracht haben, in den Blickpunkt. Das ist der schlichte, so bewegende Reiz dieses Augenblicks: Fußball ist eine eigene Welt.

Wenn das Match läuft, ist es für Zuschauer daheim, beim Public Viewing oder für den Fan vor Ort nicht weiter von Belang, ob mit dem Turnier hinter den Kulissen des Weltverbandes Schacher betrieben wird und Milliarden verschoben werden. Hauptsache, es findet ohne Störenfriede statt und man ist, selbst wenn die Preise längst absurde Höhen erreicht haben wie in Russland, „live“ dabei. Oder nicht? Dann interessieren nur noch Tore, Fouls, Rote Karten, das allerorts so heftig debattierte Abseits, der Vergleich zweier Mannschaften zu jeweils elf Spielern über 90 Minuten. Das Geschick, den Ball über die Torlinie zu befördern. In ein Tor, das seit jeher 7,32 Meter breit und 2,44 Meter hoch ist.

Dazu bewegt die Frage, ob der für diese WM neu installierte Videobeweis nicht doch das Spiel verdirbt. Oder warum die Seleção die WM gewinnen kann, die Deutschen, eigentlich die beste Turniermannschaft, oder Argentinien auch trotz Lionel Messi es aber nicht können. Man hofft so sehnsüchtig auf Außenseiter, die Favoriten frech ein Bein stellen. Leidet mit den Engländern, die wohl wieder unglücklich in einem Elfmeterschießen scheitern. Man lebt Afrikas Traum vom ersten Titel. Ältere Semester verfallen oft in Nostalgie. Sie erinnern sich an Stars der Vergangenheit. Wie Roger Milla, der 1990 nicht nur Kamerun, sondern die ganze Fußballwelt nach jedem Tor mit dem Makossa-Tanz begeisterte.

Jede WM findet neue Stars. Doch manche Treffer, etwa Geoff Hursts „Wembley-Tor“ 1966 oder Mario Götzes Goldtor im WM-Finale 2014, bleiben unvergessen. Vieles aber verschwimmt, im Lauf der Jahre verschwinden auch Volltreffer in der Torflut.


Für Österreicher gibt es aber selbst 2018 an einem kein Vorbeikommen, und das ist auch nach ganzen 40 Jahren immer noch Córdoba mit Hans Krankls Durchmarsch zum 3:2 gegen Deutschland. Nicht wenige macht heute allein die Tatsache „narrisch“, dass dieser Sieg immer noch so oft und über Gebühr als größte Errungenschaft der jüngeren österreichischen Fußballgeschichte strapaziert wird. Selbst wenn nun im Testspiel von Klagenfurt ein 2:1 gelang, und das gegen den aktuellen Weltmeister.

Österreichs Fußball hat allerdings ganz andere Probleme. Das ÖFB-Team spielt in Russland nicht mit: Seit 20 Jahren, seit Frankreich 1998, ist es bei keiner WM mehr dabei gewesen. Ein halbes Córdoba also; für diejenigen, die sich in dieser Zeitrechnung so geborgen fühlen.

Bis zum Finale am 15. Juli in Moskau ist die Welt jetzt für Millionen Menschen wieder nur so groß wie ein Fußballfeld. Jetzt sind Neymar, Messi, Ronaldo und Müller am Ball. Was aber kann Österreich von dieser WM lernen? Es liegt auf der Hand: Es muss viel mehr getan und noch mehr erreicht werden, damit sich das ÖFB-Team für die Winter-WM in Katar 2022 qualifiziert. Misslingt das, muss der Fußballbund bis 2026 auf die XXL-WM in USA/Mexiko/Kanada mit dann 48 statt bisher 32 Mannschaften hoffen. Europa erhält drei Startplätze mehr, es ist eine kleine Chance, immerhin. Ein Fortschritt ist bereits erkennbar: Entgegen manchem Vorgänger ist Franco Foda bei der WM immerhin vor Ort.

E-Mails an: markku.datler@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2018)

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