Leitartikel

Wir werden uns nach der Hellas-Krise noch zurücksehnen

Bei allen schweren Mängeln: Im Umgang mit der griechischen Schuldenkrise hat Europa gezeigt, was Kooperationswille möglich macht. Zum letzten Mal?

(c) REUTERS (YIANNIS KOURTOGLOU)

Da war noch was. Wir haben es verdrängt, fast vergessen, obwohl es uns lang genug in Atem gehalten hat. So wie es genügt, wenn jemand am Zipfel eines Tischtuchs zupft, damit das feine Geschirr der ganzen Tafel in Scherben bricht: So konfrontierte das kleine, bankrottreife Griechenland die große Eurozone mit der Schreckensvision ihres Untergangs. Ab 2009 erwiesen sich die hellenischen Haushaltslöcher als Schlünde mit Sogwirkung. 2015 kündigte die neue linke Syriza-Regierung den Geldgebern den Gehorsam und steuerte einige wilde Wochen lang darauf zu, aus dem Euro zu purzeln. Davor und danach: ungezählte Sondergipfel, durchverhandelte Nächte, schicksalhafte Urteile aus Karlsruhe und ein endloses Tauziehen um Tranchen und Auflagen.

Aber man kann nicht ewig zittern und zanken. Es türmen sich doch viel dunklere Gewitterwolken: Handelskrieg, Brexit, politische Amokläufer in Rom und eine in der Migrationsfrage gelähmte EU. Also sind alle erleichtert, wenn die Altlast endlich von der Agenda kommt. Statt Grexit ein Exit aus drei Hilfsprogrammen: Ab August soll sich der griechische Staat wieder ohne Mittel europäischer Steuerzahler über die Märkte finanzieren. Die Griechen sind wieder Herr im eigenen Haus.

Und wir stellen uns seufzend vor, wie dafür die Financiers noch einmal beide Augen zudrücken. Doch seltsam: Im Rückblick kommt fast Nostalgie auf. Das geduldige, aber zielstrebige Ringen um Kompromisse, das sorgfältige Abwägen deutscher Höchstrichter, das Feilen der Verhandler an der Balance von Geben und Nehmen: Gut möglich, dass wir uns danach noch zurücksehnen. Man möchte sich nicht vorstellen, wie Europa heute auf den Ausbruch einer solchen Krise reagieren würde, in einer Stimmung, die von rabiaten Populisten und rücksichtslosen Selbstdarstellern aufgeheizt ist. Kein Cent für die Schmarotzer aus dem Süden! Sonst treten wir aus diesem miesen Verein aus, und zwar sofort! Die Blockade wäre gewiss, der Ausgang völlig ungewiss.

So aber können wir eine vorläufige Bilanz ziehen. Leicht ließe sich spotten: Der „saubere“ Exit ist voller Flecken. Ohne dicke Kapitalpuffer würden die Griechen auf dem Parkett der Finanzmärkte gleich wieder über hohe Risikoaufschläge stolpern. Von Souveränität kann keine Rede sein: Noch viele Jahre kontrolliert die Troika. Pensionsreform, Privatisierungen, Erfassung der Liegenschaften auf Katasterkarten: Alles ist angegangen, wenig abgeschlossen. Nur mit Kontrollen ist gesichert, dass die Politik bei den Reformen Kurs hält. Die Eurostaaten können den Griff nicht lockern, weil sie die Laufzeiten so weit gestreckt haben.

Auch hier wäre es wohlfeil zu höhnen: Das ist doch nichts anderes als ein Schuldenschnitt, nur darf er nicht so heißen. Was nicht stimmen muss: Kauft ein Gläubiger eine Anleihe in der Krise zum niedrigen Marktpreis und bekommt sie bei Fälligkeit zum vollen Nominalwert zurück, ist das ein Geschäft – das Spielraum lässt, dem Schuldner bei Zins und Laufzeit entgegenzukommen.

Es ist müßig zu klagen, man hätte die Marktkräfte walten und Griechenland pleitegehen lassen sollen. Das war den Akteuren zu riskant, vielleicht hatten sie recht. Es ist müßig zu klagen, ein geordneter Euroaustritt wäre klüger gewesen. Die Griechen lehnten das ab, sie wollen nicht in einem Schwellenland vor den Toren Europas leben. Dafür nehmen sie viele Entbehrungen in Kauf, bis heute. Denn Hellas liegt weiter darnieder: Zwei Jahre zaghaften Wachstums nach einem Einbruch der Wirtschaftskraft von 28 Prozent sind noch viel zu wenig. Auch unter Syriza blühen Günstlingswirtschaft, Korruption und laxe Steuermoral. Aber ein Haushaltsdefizit von 15 Prozent in konstante Überschüsse zu drehen war eine Herkulesaufgabe, von der sich Österreichs zaghafte Budgetsanierer inspirieren lassen könnten.

Ein Saldo vor Zinsen von vier Prozent: Das lässt Investoren Vertrauen fassen, sogar bei einem Schuldenberg von 179 Prozent. Zumal Tsipras' Truppe sich wider Erwarten als paktfähig erweist und alle Vorgaben umsetzt. Und Europa sich zusammengerauft hat, vielleicht zum letzten Mal. Das sollten wir würdigen, ja feiern. Es gibt ja zurzeit keine anderen Gründe, das Glas zu erheben.

E-Mails an: karl.gaulhofer@diepresse.com


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2018)

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