Alte Profitgier, neue Sieger: Europa bleibt Weltmeister

Die Fußball-WM 2018 überraschte mit Kroatiens Höhenflug und Deutschlands Absturz. Das Scheitern von Stars wie Messi verdirbt der Fifa nie das Geschäft.

Die Fußball-WM in Russland steckte voller Überraschungen. Keiner der wirklich großen Favoriten schaffte es in das Endspiel am Sonntag in Moskau – im Gegenteil. Kroatien steht erstmals im Finale dieser Weltsportart. Eine Nation mit 4,1 Millionen Einwohnern kann Fußballweltmeister werden – als zweitkleinstes Land nach Uruguay 1950.

Wetten, dass es den Kroaten gegen Frankreich auch gelingen wird? Leidenschaft, Wille, Unnachgiebigkeit, Verlangen und schnelles Umschaltspiel statt Ballbesitz zeichnen sie aus. Auch ermöglichten Form, Auslosung oder das frühe Ausscheiden Spaniens die einmalige Chance. Es spricht jetzt so viel für Modrić, Rakitić, Mandžukić, Rebić und Co.

Kroatien hat eine Mannschaft gespickt mit Legionären, die bei großen europäischen Klubs nicht nur Spielzeit, sondern auch die tragenden Rollen erhalten. Jetzt ist diese Auswahl nur noch 90 Minuten davon entfernt, Fußballgeschichte zu schreiben. Sie ist bei dieser WM weiter gekommen als all ihre Vorgänger. Die Spieler der Gegenwart sind dem Schatten ihrer Legenden – die jede Nation im Sport pflegt oder mit einem Córdoba-Komplex verteufelt – enteilt. Jetzt müssten die Kroaten die ewig-leidigen Vergleiche mit ihren Fußballikonen Šuker, Prosinečki und Boban nicht mehr scheuen.

Warum jedoch viele kroatische Fußballer, nein: Sportler generell im Erfolgsfall prompt mit Kriegsrhetorik und Ustascha-Liedern aus der Reihe tanzen, bleibt ein Rätsel. Dieses provokante Handeln ist dokumentiert, umso mehr irritiert das Schweigen des Weltverbands Fifa. Denn vor der WM2014 in Brasilien wurden noch drastische Zehn-Spiele-Sperren verhängt. Jetzt lächelt Fifa-Chef Gianni Infantino nur milde. Wegen des üblichen Geschäftssinns oder womöglich doch aus Eigeninteresse? 2019 stellt sich der Präsident der Wiederwahl. Dass er im Amt bleiben wird, gilt als gewiss. Er verteilt generös Prämien unter allen Mitgliedern.

In Russland erfüllten sich auch überraschenderweise viele Fußballweisheiten. Wer den Confed-Cup, die Generalprobe im Jahr vor der WM, gewinnt, triumphiert nie bei der Endrunde. Und: Auch 2018 hat keine Mannschaft gesiegt, die in der Gruppe F gespielt hat. Der Titelverteidiger hat es schwer, selbst wenn er Deutschland heißt. Erstmals in der WM-Historie musste eine DFB-Auswahl nach der Gruppenphase die Koffer packen.

Das Aus des Weltmeisters vor der K.-o.-Phase war die Fortsetzung eines Europa-Phänomens: Das war schon Frankreich (2002), Italien (2010) und Spanien (2014) passiert. Dass ab dem Halbfinale nur noch Europäer spielten, gelang zum fünften Mal nach 1934, 1966, 1982 und 2006. Damit stellt Europa den vierten Weltmeister in Serie.


Schwer enttäuscht haben viele Stars. Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo, es war nicht ihr Turnier. Neymar war der schlechteste Schauspieler dieser WM. Seine peinlichen Simulationen trugen dazu bei, dass Brasilien im Viertelfinale ein klarer Elfer vorenthalten blieb. Die Deutschen liefen nach den Fotos von Mesut Özil und İlkay Gündoğan mit dem türkischen Präsidenten, Recep Tayyip Erdoğan, auch in ein sportliches Debakel. Spanien entließ drei Tage vor der WM den Teamchef – und scheiterte.

Keine Sensation war es hingegen, dass Dopingfälle ausblieben. Nicht, weil Russland wieder geschickt systematisch Böses im Schilde führte wie in Sotschi 2014, sondern, weil die von der Fifa selbst angesetzten und durchgeführten Kontrollen so fragwürdig sind. Welche Firma kontrolliert sich denn selbst und klagt dann Erkenntnisse öffentlich an?

Dass der Handel stöhnte, weil die Trikots der Gescheiterten zu Ladenhütern wurden, ist eine Kehrseite dieses Geschäfts. Nur die Fifa stört das nicht – ihr Milliardengewinn steht längst vor dem Anpfiff fest. Mit dem Finale am Sonntag endet aber vielleicht die letzte WM mit dem seit 1998 bewährten 32-Team-Modus. Der Weltverband prüft neue Gewinncharts, um bereits für Katar 2022 mit 48 Mannschaften aufzutreten. Mehr Teams, Chancen, Einnahmen.

In diesem Punkt lieferte die WM 2018 keine Überraschungen. Die Profitgier der Fifa war immer weltmeisterlich.

E-Mails an: markku.datler@diepresse.com

 

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2018)

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