Die panische Angst vor dem selbstständigen Arbeitnehmer

Gewerkschafter und Politiker sehen die Arbeitswelt noch immer aus der Fabrikshallenperspektive des vorigen Jahrhunderts.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Der deutsche Psychologe und Jurist Volker Kitz hat voriges Jahr ein feines Buch geschrieben. „Feierabend! Warum man für seinen Job nicht brennen muss. Streitschrift für mehr Gelassenheit und Ehrlichkeit im Arbeitsleben“. Gelassenheit und Ehrlichkeit könnte auch die Debatte um Arbeitszeitgesetz, vermeintlichen Überstundenraub und Vier-Tage-Woche gut gebrauchen. Diese klassenkämpferischen Töne aus dem vergangenen Jahrhundert haben mit den neuen Arbeitswelten nur noch sehr wenig zu tun. Die Zeiten sind vorbei, in denen Fabriksarbeiter ihren „Bossen“ auf Gedeih und Verderb ausgeliefert waren und nur der starke Arm der Gewerkschaft Schutz bot.

Wer in die Fabrikshallen großer heimischer Industrieunternehmen blickt, sieht dort Leute, die wissen, dass sie in ihrem speziellen Fachgebiet mehr wissen als ihr Vorarbeiter. Der Fachkräftemangel ist kein Mangel an Arbeitskräften, sondern ein Mangel an Wissen. Fabriks- und Industriearbeiter sind keine austauschbaren kleinen Rädchen im Getriebe mehr. Eigenständiges Handeln ist gefragt, selbstbewusste Arbeitnehmer. Und genau diese selbstständigen, vielleicht sogar unternehmerisch denkenden Mitarbeiter passen nicht mehr ins sozialpartnerschaftliche Beuteschema. Die Interessenverbände haben die Überfuhr ins 21. Jahrhundert gründlich verschlafen. Für sie stellt Selbstständigkeit jeglicher Art eine existenzielle Bedrohung dar. Ihre Aufgabe ist es schließlich, für ihre Schäflein, Mitglieder und Pflichtmitglieder da zu sein, die sich ja allein nicht wehren können. Längst scheint klar: Nicht die Menschen haben Angst vor der Veränderung, sondern die Institutionen.

Dass die Post überlegt, eine Vier-Tage-Woche einzuführen, ist genauso fein, wie dass der Postbus der ÖBB jüngst eine 50-Stunden-Woche kollektivvertraglich ausverhandelt hat. Die Welt ist eben nicht mehr schwarz-weiß, schon gar nicht die Arbeitswelt. Die Welt, in der für „die Wirtschaft“ oder für „die Arbeitnehmer“ gefochten wurde, ist von gestern. Und das Schreckgespenst von der arbeitsplatzvernichtenden Digitalisierung fürchtet keiner mehr. Vor fünf Jahren sorgten der Ökonom Carl Benedikt Frey und der Informatiker Michael Osborne mit ihrer Studie, wonach 47 Prozent aller Jobs in den USA durch Automatisierung bedroht seien, für regelrechte Hysterie. Eine von Politikern und Funktionären geradezu freudig aufgegriffene Hysterie, schließlich konnten sie sich als Retter generieren und den ohnmächtigen Wählern versprechen, dass sich nichts verändern wird, dass alles so bleibt, wie es ist.

Was Populisten von Donald Trump abwärts dabei leider übersehen: Der technologische Fortschritt hat immer zu mehr Wohlstand geführt. Je höher der Automatisierungsgrad in Gesellschaften, umso besser geht es den Menschen. Das gilt auch für die Digitalisierung. Allerdings nur, wenn wir unsere Arbeitskultur und unser Sozialsystem weiterentwickeln und nicht stur an den alten Strukturen festhalten.

Tatsächlich steigt die Zahl der Beschäftigten in diesem Land kontinuierlich, bejubeln wir in regelmäßigen Abständen neue Beschäftigungsrekorde. Gleichzeitig sinkt die Gefahr stetig, seinen Job zu verlieren. Dass wir in Österreich dennoch eine relativ hohe Arbeitslosigkeit haben, hat vor allem strukturelle Gründe. Man fliegt zwar schwer raus, kommt aber auch sehr schwer rein. Deswegen ist etwa aktive Arbeitsmarktpolitik so wichtig. Das Arbeitsmarktservice (AMS) muss mit seinen Schulungsprogrammen oft das planieren, was unser Bildungssystem verbockt hat.

Der Psychologe Volker Kitz hat sich angesehen, wie wir auf bestimmte Wörter reagieren. „Krieg“ finden wir natürlich nicht super, „Liebe“ hingegen schon. Ganz spannend wurde es bei seinem Experiment beim Wort „Arbeit“. „Arbeit“ haben wir natürlich gern. Hingegen reagieren die meisten beim Wort „arbeiten“ nicht ganz so euphorisch. Kitz kam zur Erkenntnis: „Arbeit macht glücklich, arbeiten unglücklich.“

An dieser Diskrepanz müssen wir noch arbeiten. In aller Ehrlichkeit und Gelassenheit – und ganz ohne Klassenkampfrhetorik.

E-Mails an: gerhard.hofer@diepresse.com-

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2018)

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