Auf jedem Hügel ein Haus: Wie sich Österreich die Zukunft verbaut

Als Europameister im Zersiedeln heizen wir den Klimawandel mit ganz speziellem Unfug an – statt Vorreiter bei schlauen CO2-Steuern zu sein.

(c) BilderBox

Wer wissen will, was in der Zeitung steht, braucht nur einen Blick aufs Thermometer werfen. Die Hitzewelle ist ein Thema von unschlagbarem medialen Unterhaltungswert. Und für ein paar Wochen ist der Klimawandel die öffentlich zelebrierte Hauptsorge Nummer eins. Aber bald schon ringt die Erderwärmung wieder vielen nur noch den leisen Seufzer ab: „Ja, ist natürlich schlimm, lässt sich aber nur weltweit lösen. Als kleines Land ist man da machtlos. Wir könnten uns nur schaden, wenn wir vorpreschen. Wozu auch: Mit saftigen Almwiesen, sauberen Seen, Mülltrennung und Wasserkraft sind wir ja eh ein Umweltmusterland.“

Wer das ernsthaft glaubt, dem sei die Vogelperspektive empfohlen. Man muss dazu nicht klimaschädlich in den Flieger steigen, es genügen die Satellitenbilder auf Google Maps. Woran erkennt man, ob der Blick über die südliche Steiermark oder über eine ländliche Gegend in Deutschland schweift? Ganz einfach: Wo sich Gemeinden kompakt zusammenfügen, nach dem letzten Haus Wiese und Wald beginnen, bis die nächste klar umrissene Ortschaft folgt – da schweben Sie sicher nicht über Österreich. Wo aber alles chaotisch wie ein Fleckerlteppich wirkt oder so, als hätte ein Riese wahllos Spielzeughäuschen übers weite Land geschüttet, da dürfen heimatliche Gefühle hochkommen.

Ein isoliertes Einfamilienhaus braucht eine asphaltierte Zufahrtsstraße. Dazu Stromleitung und Rohre für Gas, Wasser, Abwasser. Nur eine nahe Haltestelle von Zug oder (Schul-)Bus gibt's natürlich nicht. In einer zersiedelten Gegend haben öffentliche Verkehrsmittel und Fahrräder keine Chance, sie sind nur bei konzentrierter Bebauung praktikabel. Also muss das Auto alle Wege übernehmen. Die weitflächig Zerstreuten meiden, was einst ein lebendiger Ortskern war (meist nur noch am Kirchturm erkennbar). Sie steuern Supermärkte im Niemandsland an, mit großen Parkplätzen. Die Folge: Österreich ist Europameister im Zubetonieren.

Der Boden fehlt: Er absorbiert CO2, auch wenn kein Wald draufsteht, und kühlt, weil er Wasser verdunsten lässt. Kurz: Wir treiben den Klimawandel mit original rot-weiß-rotem Unfug an. Unter dem mittlerweile 85 Prozent aller Bürger leiden. Er hemmt auch den Tourismus: Eine verschandelte Landschaft lockt keine Gäste an. Warum ändert sich nichts?

Weil der Bürgermeister hierzulande der Raumordner erster Instanz ist. Und niemand will einen Wähler verlieren, indem er ihm ein Haus auf dem Hügel verwehrt. Obwohl der Ausblick bald nicht mehr schön ist, wenn auf jedem Hügel ein Haus steht (und jeder Häuslbauer seinem oft zweifelhaften Individualgeschmack freien Lauf lassen kann, was in Frankreich oder England undenkbar wäre). Solche amorphen Streusiedlungen kombinieren das Schlechte aus Stadt und Land: Eine kulturelle und soziale Wüste ohne Naturerlebnis. So stoppt man Landflucht sicher nicht.

Es gibt auch fragwürdige Argumente gegen die Bodenversiegelung. Nein, ein hoch entwickelter Industriestaat wie Österreich braucht keine autarke Landwirtschaft. Dieses Schollendenken ist in Zeiten internationaler Arbeitsteilung antiquiert. Ja, Gewerbe braucht Platz – aber wenn bundesweit Industrieflächen von der Größe Wiens brachliegen, sollte man für ihre Nutzung Anreize bieten. Ja, wir brauchen mehr Wohnungen, auch neue Eigenheime müssen erlaubt sein – aber nicht irgendwo, sondern durch Verdichtung und am Ortsrand. Es gibt dazu Ansätze, vor allem in Salzburg. Aber es ist wenig und kommt sehr spät: Was einmal gebaut ist, bleibt für Hunderte Jahre so stehen.

Das alles ist nur ein Beispiel dafür, wie man den Klimawandel spezifisch antreibt und daraus nicht einmal Vorteile zieht, im Gegenteil. Die gute Nachricht: Es geht auch umgekehrt. Man kann etwa durch aufkommensneutrale CO2-Steuern (mit Ausnahmen für die energieintensive Industrie) auch als einzelnes Land etwas gegen die Erderwärmung tun, ohne seiner Wirtschaft zu schaden. Was zum Beispiel Schweden eindrucksvoll vorzeigt. Warum nicht Österreich? Es wäre auch ein sinnvolles Thema für die Ratspräsidentschaft – vielleicht als Ersatz für den x-ten „Krisengipfel“ in Sachen Migration.

E-Mails an: karl.gaulhofer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2018)

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