Lieber in Kärnten der Erste als in Wien der Zweite

Die SPÖ hat ein Personalproblem. Ihr bester Mann ist immer noch Christian Kern. Wiewohl dieser strategisch kein wirklich glückliches Händchen hat.

Es ist eine ziemlich harte Vorgabe für den künftigen SPÖ-Vorsitzenden beziehungsweise die künftige SPÖ-Vorsitzende. Er sei wohl nicht der geeignete Mann als Oppositionsführer gewesen, sagte Christian Kern nach der gestrigen SPÖ-Präsidiumssitzung. Als Oppositionsführer müsse man nämlich mit dem „Bihänder“ unterwegs sein, das sei aber nicht sein Stil, da habe er sich „andere Umgangsformen erworben“.

Wer immer also nun die SPÖ übernimmt: Stil und Umgangsformen sind nicht so sehr gefragt wie der Bihänder. Von den derzeit genannten Kandidatinnen und Kandidaten wirkt aber auf den ersten Blick auch keiner so, als könnte er mit dem Bihänder umgehen.

Möglicherweise ist das auch gar nicht nötig. Zuletzt hatte die SPÖ wieder sehr gute Umfragewerte. Ausgewiesen nicht nur in den Umfragen der SPÖ, sondern auch in jenen der ÖVP. Was trieb Christian Kern also an, zweieinhalb Wochen vor dem groß angelegten Programmparteitag die SPÖ auf den Kopf zu stellen? So, dass auch dieser Parteitag nun abgesagt werden musste.

Nach langfristiger strategischer Planung sieht das nicht aus. Selbst Peter Kaiser, bisher einer der engsten Vertrauten Christian Kerns in der Partei, sprach am Tag danach davon, dass die Ereignisse am Dienstag „gelinde gesagt unkoordiniert“ verlaufen seien. Landeshauptmann Kaiser war erst gar nicht zur abendlichen Besprechung nach Wien gekommen.

Was also war da los? Von der Geschichte gibt es zwei Versionen. So wie es mittlerweile ja auch zwei SPÖs gibt. Und da von Journalisten gern Transparenz verlangt wird und sich Stand Mittwoch Nachmittag nicht letztgültig klären ließ, welche stimmt (vielleicht liegt die Wahrheit auch in der Mitte), erzählen wir einfach beide. Die eine geht so: Kern habe schon länger geplant, EU-Spitzenkandidat der SPÖ zu werden, einige wenige seien in diesen Plan eingeweiht gewesen, und Dienstagabend wollte er das dann auch den SPÖ-Landesparteichefs eröffnen.

Die andere geht so: Kern habe den wichtigsten SPÖ-Landesparteivorsitzenden Dienstagfrüh mitgeteilt, dass er gehen werde. Und zwar ganz. Weitere Details dann am Abend. Es folgten hektische Gespräche der Landesvorsitzenden untereinander, wie es nun weitergehen soll, bis sich Kern wiederum einschaltete und den verdutzten Landeschefs mitteilte, er wolle nun doch Spitzenkandidat für die EU-Wahl werden.

Und ja: Dass Christian Kern zu Gazprom wechseln könnte, wie es Dienstagnachmittag auch kurz auf diepresse.com zu lesen war, war so gesehen ein „Vollholler“ (© Kern). Es tut uns leid.

Wie geht es in der SPÖ nun also weiter? Einen logischen Nachfolger für Christian Kern gibt es nicht. Er ist – bei allen Schwächen – noch immer der stärkste Vertreter für die erste Reihe. Intellektuell, rhetorisch, nur eben nicht strategisch. Sonst ist der Personalpool für einen Parteivorsitzenden überschaubar. Es reißt sich auch keiner wirklich um den Job. Auch das ist bezeichnend für die seit geraumer Zeit mangelnde Attraktivität der Sozialdemokratie. Allerdings: Wen gäbe es in der ÖVP, wenn Sebastian Kurz einmal nicht mehr will oder man ihn nicht mehr will?

Die ÖVP lebt von Kurz. Und auch die SPÖ hatte bis jetzt mit Kern den besten aller möglichen Kandidaten. Es reichte halt nur für den zweiten Platz. Aber mit Kern bestand immerhin die Hoffnung auf die Wiedereroberung des ersten.

Wenn nicht noch irgendein Wunderwuzzi auftaucht oder sich jemand als Wunderwuzzi entpuppt, von dem man es nicht erwartet hätte, wird die Regierung mit der SPÖ nun mutmaßlich ein leichteres Spiel haben. Peter Kaiser, der logische Nachfolger, hätte ja schon einmal gezeigt, wie das geht: Als unterschätzter Außenseiter gestartet, hat er es mittlerweile fast bis zur Absoluten geschafft. Im Fall Kaisers hat natürlich auch die damalige (Landes-)Regierung mitgespielt. Und auch Kaiser selbst.

Nun aber will er nicht. Lieber in Kärnten der Erste als in Wien der Zweite. Österreichische Realverfassung. Wobei: Auch Caesar wurde dann doch noch Erster in Rom.

E-Mails an: oliver.pink@diepresse.com
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