Die alte Klimapolitik ist gescheitert, die neue wird riskant – und teurer

Noch nie waren die Appelle der Klimaforscher so weit von der politischen Realität entfernt wie heute. Zeit, einen nüchternen Schlussstrich zu ziehen.

(c) REUTERS (Mike Hutchings)

Man kann es auch positiv sehen: als Triumph der Wissenschaft. Die selbst ernannten Klimahelden von Paris wollten wissen, wie sie ihre hehren Ziele erreichen können, und der Weltklimarat hat geliefert. 224 Autoren, 6000 Verweise auf Studien und 42.000 Kommentare: Wer dahinter eine gigantische Verschwörung sieht, muss viel Fantasie haben. Der Stand der Forschung zur Erderwärmung hat sich stark verbessert, die Unsicherheit sinkt, das Selbstbewusstsein steigt. Was wir etwa in Europa erleben, überrascht die Forscher nicht: weniger Wetterwechsel aus dem Westen, lange Hitzephasen mit Dürre, Kältehochs im Winter – so wie verheißen. Auch ihre Empfehlung ist klar: Den Temperaturanstieg unbedingt mit 1,5 Grad begrenzen, nicht mit zwei Grad (bei einem Grad stehen wir schon). Und sie sagen auch konkret, was dazu nötig wäre.

Aber hier beginnt das Gruseln. Rat und Tat klaffen so weit auseinander wie noch nie. Die CO2-Emissionen steigen weiter. Die USA unter Trump haben sich von ihren Zusagen verabschiedet. Wir steuern ungebremst auf drei Grad Erwärmung bis Jahrhundertende zu. Die Bremsen sind nicht eingebaut: Bis 2030 um zwei Drittel weniger Kohle verbrennen, den Ölverbrauch halbieren? Das wird es nicht spielen. Man muss nüchtern sagen: Die Klimapolitik ist gescheitert. Trotz aller Warnungen, theatralisch inszenierter Konferenzen und hoffnungsvoller Appelle der Art „Wenn wir jetzt handeln, schaffen wir es noch!“ – wir schaffen es nicht.

Warum? Sobald wir Menschen vor einem Umweltproblem stehen, werden wir doch kreativ. Not macht erfinderisch. Unsere Flüsse sind heute viel sauberer als vor 40 Jahren, Autos stoßen weit weniger Schadstoffe aus. Der Smog über London ist Geschichte, der Smog über Peking wird es bald sein, da müssen wir uns nicht groß sorgen. Das Verflixte am Klimawandel ist, dass wir ihn jetzt verursachen, er aber erst künftig schmerzt. Das ist eine Falle. Sie führt zu konzertierter Heuchelei: Politiker feiern ihren „Mut“, sich zu abstrakten Zielen zu bekennen – und sagen nie dazu, was ihre Einhaltung bedeuten würde: einen massiven Umbau des Steuersystems, der verdeckte Kosten schlagend macht. Autofahren als Luxus, Flugreisen nur noch für die „Happy Few“: Wer das fordert, kann einpacken. Stattdessen schwelgen Politiker in Visionen, setzen kosmetische Maßnahmen zur Elektromobilität und machen konkret erst einmal nichts, bis zu den nächsten Wahlen. Nach uns die Sintflut, im Wortsinn.


Dass die Illusionen jetzt entlarvt werden, heißt nämlich nicht, dass wir den Kosten unseres Tuns entkommen. Im Gegenteil. Es wird nur teurer und riskanter. Statt rechtzeitig auf erneuerbare Energien umzusteuern, werden wir von der Erwärmung überrannt. Nein, da geht es nicht nur darum, dass hübsche Korallenriffe verschwinden. Oder Inselchen im Südpazifik, deren paar Zehntausend Einwohner man umsiedeln muss. Es geht um billionenschwere Investitionen in Dämme, resistentere Pflanzen und Schadensbeseitigung. Wir können uns das gerade noch leisten, die Bewohner von Küstenregionen der Dritten Welt sicher nicht. Ihre Lebensbedingungen werden unerträglich. Müssen sie fliehen? Stehen sie bald auch vor der Festung Europa? – aktuell das einzige Thema, von dem sich die Bürger dieses Kontinents alarmieren lassen. Dann können wir nicht mehr sagen: Zurück, wo ihr herkommt, mit euren Problemen haben wir nichts zu tun. Denn wir sind die wesentlichen Verursacher dieses Problems, das keine Grenzen kennt.

„Rasch handeln“, der alte Refrain der Klimalitanei, bedeutet von nun an vor allem: auf Technologien setzen, die zwar schlau klingen, aber unerprobt sind und immense Risken bergen. Wie groß ist die Gefahr, dass unterirdisch abgespeichertes Kohlendioxid plötzlich in großer Menge entweicht? Welchen Rattenschwanz an Folgen mag es haben, wenn wir Sonnenlicht großflächig zurückreflektieren oder Schwefeldioxid in die Stratosphäre pumpen? Da triumphiert die Forschung nicht, da sind wir Zauberlehrlinge. So wie bei den fossilen Stoffen, die in Jahrmillionen entstanden sind und die wir nun auf die Schnelle verbrennen. Wobei wir hier mittlerweile schon wissen: Das war keine gute Idee.

E-Mails an: karl.gaulhofer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2018)

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