Die Katastrophe – oder: Die CSU wird eine normale Partei

Die Christlich-Sozialen könnten bei der Landtagswahl in Bayern das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte einfahren. Die Krise ist auch hausgemacht.

So kann es nicht weitergehen. Nicht in Bayern. Die Ansprüche sind hier höher als zum Beispiel in Berlin. Viel Zeit bleibt nicht, um das Ruder noch herumzureißen. Er ist bereits der Sündenbock. Die Ersten prügeln auf ihn ein. Er kann einem schon leidtun, dieser Niko Kovač, Trainer des Rekordmeisters FC Bayern München. Vier Pflichtspiele hat der FCB nicht gewonnen. In Folge.

Weiß-blaue Gewissheiten zerrinnen in diesen Tagen. Der FC Bayern, meinen die Fußballweisen, werde sich rasch erholen. Und die CSU? Schau ma moi.

Das Finale dahoam an diesem Sonntag wird zum Fiasko. Wenn nicht für die CSU, dann für die Meinungsforscher, die dieses Fiasko vorhersagen. Die Absolute ist demnach weg. Erst zum zweiten Mal in 56 Jahren. 33 Prozent spuckte jüngst eine Umfrage für die CSU aus. Das ist etwas mehr, als die ÖVP unter Sebastian Kurz geholt hat, den sie in der CSU wegen seines Wahlerfolgs verehren. Doch das Ergebnis der ÖVP wäre eine Katastrophe für die CSU. Die Zeiten der Alleinregierungen, der „Koalition mit dem Volk“ wären dann auch im Freistaat vorbei. Vielleicht für immer. In Bayern würde sich dann mit Verspätung vollziehen, was jenseits des Weißwurstäquators längst Realität ist. Die CSU wäre dann auch eine ganz normale Partei.

Diese Krise in Bayern ist auch hausgemacht. Ministerpräsident Markus Söder verkleidet sich im Fasching gern und medienwirksam. Auch als Ministerpräsident tauscht er die Rollen. Zuerst gab er den spendablen sozialen Kümmerer. Dann holte ihn die Flüchtlingskrise ein. Söder heulte nun rhetorisch mit der AfD, schimpfte über „Asyltourismus“ und trieb Innenminister Horst Seehofer im Streit mit der Kanzlerin wegen eines Migrationspapiers vor sich her, indem er ein „Endspiel um die Glaubwürdigkeit“ ausrief. Und er verlor. Denn als die Umfragewerte fielen, wechselte Söder in den Modus des staatstragenden Landesvaters, der zur Beilegung jener Regierungskrise im Bund mahnte, die er selbst mitverursacht hatte. Seehofer irrlichterte fortan allein in Berlin.

Der AfD-Erfolg bei der Bundestagswahl in Bayern treibt Söder um. „Rechts neben der CSU ist nur die Wand.“ So hatte es Franz Josef Strauß verlangt, der CSU-Übervater, der einst als Poster in Söders Jugendzimmer hing. Doch der ehrgeizige Söder überdreht. Sein Kreuzerlass, das verpflichtende Kruzifix in der Amtsstube, brachte Teile der Kirche gegen die Partei mit dem C im Namen auf: Es roch zu sehr nach billigem Wahlkampfmanöver.

Söder befindet sich in einem Dilemma. In der CSU sind sie sicher, dass ihnen Angela Merkels Flüchtlingspolitik geschadet hat, aber der offene Streit zwischen Koalitionspartnern, noch dazu Schwestern, missfällt den Deutschen mindestens genauso. Einen Ausweg gibt es nicht, außer den Fraktions- und Koalitionsbruch, der die CSU aber ihres Alleinstellungsmerkmals berauben würde, nämlich in Berlin mitzuregieren – als Regionalpartei. Also wird durchlaviert und provoziert, gestritten und scheinversöhnt. Eine Tragikomödie.

In seiner Fixierung auf die AfD übersah Söder auch die restliche Konkurrenz: Jeder Schritt, den die CSU nach rechts setzt, gibt Platz in der Mitte frei. Dort wildern die Grünen im bürgerlichen Milieu. Sie tun das in Bayern geschickt, also im Dirndl und ohne erhobenen Zeigefinger.

Aber das CSU-Problem geht tiefer. „Laptop und Lederhose“: In dem Motto deutete sich einst der Spagat der CSU an. Er gelingt nicht mehr in der fragmentierten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. Die Fliehkräfte sind zu stark. Der CSU-Ehrenvorsitzende Edmund Stoiber gab am Umfrageabsturz jüngst auch innerdeutschen Migranten die Schuld, die zwar in Bayern Wohlstand suchten, aber nicht zwingend die CSU mögen, die dieses alte Agrarland zum Hightechstandort mit der niedrigsten Arbeitslosigkeit und Kriminalität formten.

Wer sich diebisch über die drohende „Watschn“ für die CSU freut, der sollte auch diese Bilanz sehen – und was ein CSU-Debakel für Deutschland bedeuten könnte. Die ohnehin politisch instabil gewordene größte Volkswirtschaft Europas könnte noch heftiger ins Wanken geraten.

So kann es nicht weitergehen. Nicht in Bayern. Die Ansprüche sind hier höher als zum Beispiel in Berlin. Viel Zeit bleibt nicht, um das Ruder noch herumzureißen. Er ist bereits der Sündenbock. Die Ersten prügeln auf ihn ein. Er wird nicht vielen leidtun, dieser Horst Seehofer.

E-Mails an: juergen.streihammer@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.10.2018)

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