Wir werden schmerzhaft an die Grenzen des Wachstums knallen

Der Club of Rome verlangt wieder einmal radikales Umdenken. An die eigentlichen Ursachen der kommenden Krisen wagt er sich aber nicht heran.

Der Club of Rome propagiert einen achtsameren Umgang mit der Welt.
Der Club of Rome propagiert einen achtsameren Umgang mit der Welt.
Der Club of Rome propagiert einen achtsameren Umgang mit der Welt. – APA/AFP/ORLANDO SIERRA

Der legendäre Club of Rome feiert seinen Fünfziger – und wie bei jedem runden Geburtstag erhebt er mahnend seine Stimme. Zur Geburtstagsfeier in Rom wurde gestern eine Studie vorgelegt, die einen radikalen Umbau der Weltwirtschaft als Voraussetzung für das Überleben der Menschheit verlangt: Energiewende, nachhaltige Lebensmittelproduktion, neue Wachstumsmodelle für ärmere Länder, Abbau von Ungleichheit in der Vermögensverteilung durch „gerechte“ Steuern sowie hohe Investitionen in Bildung, Geschlechtergleichheit, Gesundheit und Familienplanung.

Klingt gut, kann man unterschreiben – ist aber nicht wirklich neu. Auch für den Club of Rome nicht. Er hat das im Wesentlichen schon kurz nach seiner Gründung im Jahr 1972 in seinem berühmt gewordenen Manifest „Die Grenzen des Wachstums“ postuliert. Der Teufel liegt hier eher im Detail. Auch das weiß niemand besser als die Club-of-Rome-Experten. Schließlich würde es eine der größten Herausforderungen der Gegenwart, die Treibhausgasbelastung durch den Einsatz fossiler Brennstoffe, gar nicht geben, wäre eine der wichtigsten Prognosen aus den „Grenzen des Wachstums“ eingetroffen: Dann hätten wir nämlich seit 25 Jahren kein Erdöl mehr, die Energiewende wäre also praktisch von selbst eingetreten.

Prognosen sind also auch für Topexperten Glückssache. Und mit Schlagworten werden wir die absehbaren Probleme auch nicht lösen. Besser wäre es, an die Wurzeln zu gehen. Hier sehen wir, dass Wachstum vor allem dort ins Zerstörerische kippt, wo die Exponentialfunktion, die ja auf Dauer jedes System umbringt, im Spiel ist.

In den vom Club of Rome definierten Hauptproblemfeldern erkennen wir vor allem zwei Bereiche mit exponentiellem Wachstum: Der Zinseszinseffekt führt ab einem gewissen Zeitpunkt automatisch zur Konzentration von Vermögen in ganz wenigen Händen. Die immer ungleicher werdende Vermögensverteilung ist unter diesem Gesichtspunkt auch durch Brachialsteuern bestenfalls abbrems-, aber nicht umkehrbar.

Und das exponentielle Bevölkerungswachstum in großen Teilen der Dritten Welt, speziell in Afrika, ist für einen wesentlichen Teil der großen Probleme der Gegenwart – vom Klimawandel bis zur Migrationskrise – zumindest mitverantwortlich. Nur so zur Illustration: 1950 hatte die Erde 2,5 Milliarden Einwohner, 2050 werden es zehn Milliarden sein. Mit „Wachstumsmodellen für ärmere Länder“ kommt man da nicht wirklich weiter: Solang die Bevölkerung schneller als das BIP wächst, ist das Ergebnis relative Verarmung.


Exponentielles Wachstum in diesen Bereichen wurde bisher immer durch eine Art natürliches „Reset“ gestoppt: Kriege beziehungsweise totale Wirtschaftszusammenbrüche haben die Vermögen regelmäßig auf null gestellt, Seuchen und Kriege die Bevölkerungszahl „geregelt“. Medizin, finanzmarktstabilisierende Maßnahmen und internationale Konfliktlösungsmechanismen haben diese Art der Regulierung zum Glück seltener gemacht.

Aber das Grundproblem nicht beseitigt. Das lautet: Wie bekommen wir die Exponentialfunktion halbwegs unfallfrei aus dem Finanzsystem und einigermaßen human aus der Demografie heraus? Schwierig, weil das eine eine völlige Umstellung des Finanzsystems und das andere starke, noch dazu von den großen Religionsgemeinschaften konterkarierte Eingriffe in die persönliche Planung von Milliarden Menschen bedingen würde.

Darüber sollten sich die Topdenker, die ja sonst oft und gern „Ursachenbekämpfung“ fordern, etwas ernsthafter den Kopf zerbrechen. Natürlich sind die Probleme der Welt vielschichtiger, und von einer der wichtigsten Krisenbekämpfungsmaßnahme, nämlich Bildung für alle, haben wir da noch gar nicht gesprochen. Aber ohne „Wurzelbehandlung“ ist alles andere höchstens lindernde Symptombekämpfung. Und wenn sie nicht gelingt, dann werden wir, wie schon regelmäßig in der Vergangenheit, sehr schmerzhaft an die Grenzen des exponentiellen Wachstums knallen.

E-Mails an: josef.urschitz@diepresse.com

 

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.10.2018)

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