Gut, reden wir beim Klimawandel übers Geld. Aber bitte nicht nur.

Von Bränden in Kalifornien bis zu Schadholz in Österreich: Die Erderwärmung hat immer konkretere Kosten. Das tut der Debatte gut – und ist doch eine Falle.

Das ist nicht Schicksal, sondern Klimawandel: Die Zahl der Waldbrände im Westen der USA hat sich seit 1984 verdoppelt.
Das ist nicht Schicksal, sondern Klimawandel: Die Zahl der Waldbrände im Westen der USA hat sich seit 1984 verdoppelt.
Das ist nicht Schicksal, sondern Klimawandel: Die Zahl der Waldbrände im Westen der USA hat sich seit 1984 verdoppelt. – (c) APA/AFP/JOSH EDELSON

Verdammt. Im Weißen Haus hatte man sich so bemüht, diesen Nationalen Klimabericht untern Tisch zu kehren. Donald Trump witzelte vorsorglich auf Twitter, wo angesichts des kalten Wetters der Klimawandel bleibe. Und dann dieser raffiniert gewählte Veröffentlichungstermin: just am Ferienwochenende, an dem die Amerikaner ihren Thanksgiving-Truthahn verdauen und sich rabattinduziert dem kollektiven Kaufrausch hingeben. Aber dem Black Friday folgt nun eine schwarze Woche für die präsidiale Öffentlichkeitsarbeit. Denn verdammt, die ganze Nation redet über diesen Bericht, den 13 Ministerien und Behörden (wie die Nasa) erstellt haben. Sogar Trumps Haus- und Hofsender, Fox News, kriegt sich nicht mehr ein. Was hier passiert, ist lehrreich.

Zahllose dramatische, von Pathos triefende Appelle an Moral und Verantwortungsgefühl für künftige Generationen ließen das Gros der Amerikaner die Schultern zucken. Aber jetzt wachen sie auf. Warum? Weil man ihnen erstmals knallhart die wirtschaftlichen Folgen der Erderwärmung vorrechnet. Nicht global, sondern ganz konkret: für ihr Land, ihre Region, ihre Branche. Alles bekommt einen Preiszettel. Und der Preis wird hoch sein: Hunderte Milliarden Dollar pro Jahr.

Also gut, reden wir übers Geld. Auch in Österreich: über den Preis von Ernteausfall, Schadholz und Kunstschneeanlagen. Auch über unerwartete Kosten: wenn sich Frachtschiffe wegen des niederen Wasserstands in Kanälen und Flüssen nicht mehr voll beladen lassen und der steigende Transportaufwand den Spritpreis treibt. Was uns direkt betrifft und ins Geld geht, regt uns auf, pünktlich zur Klimakonferenz in Kattowitz, die kommende Woche beginnt. Es erspart öde, durch den Stand der Wissenschaft längst erledigte Debatten: Ja, es gibt den Klimawandel, er ist großteils vom Menschen gemacht, vor allem durch das Verbrennen fossiler Energieträger. Und nein, es genügt nicht zu sagen: Die Natur und die Menschen haben sich immer angepasst. Denn das Klima war 12.000 Jahre lang relativ stabil und verändert sich nun in wenigen Jahrzehnten sehr stark. Das überfordert Pflanzen, Tiere und auch den menschlichen Erfindergeist. Nicht weil uns die Ideen fehlen. Sondern weil wir damit in komplexe Systeme und fragile Gleichgewichte eingreifen und die Folgen nicht rasch genug abschätzen können. Damit bleibt nur ein Argument im Köcher der Kleinredner: Die Wachstumseinbußen durch den Klimawandel seien immer noch gering im Vergleich zu den Kosten seiner Bekämpfung. Diese Debatte ist gut, weil sie den Finger in die Wunden ineffizienter planwirtschaftlicher Energiewenden legt und den Weg zur marktnahen Lösung weist: einer CO2-Steuer, die andere Steuern ersetzt. Aber sie ist auch gefährlich: Wir können uns die Klimasünden ökonomisch nämlich tatsächlich leisten – wenn man mit „wir“ die reichen Bewohner der Industriestaaten meint. Die wahren Opfer des Klimawandels sitzen in den Savannen und Slums von Afrika. Sind wir also doch wieder bei der Moral?

Sieht man bei der US-Debatte näher hin, dann zeigt sich: Es geht dort auch national nicht nur um Kosten. Die Amerikaner stehen unter dem Schock der bisher schwersten Brände in Kalifornien, mit Hunderten Toten und 14.000 zerstörten Häusern. Das ist nicht Schicksal, sondern Klimawandel: Die Zahl der Waldbrände im Westen der USA hat sich seit 1984 verdoppelt. Wie fühlen sich die (vielleicht Millionen) Menschen, die in absehbarer Zeit aus ihren küstennahen Häusern in Florida ausziehen müssen? Was macht es mit Farmern in Iowa, die wegen sich häufender Dürren einen Beruf aufgeben müssen, den ihre Vorfahren über viele Generationen ausgeübt haben? Ökonomisch leisten kann sich eine schwerreiche Gesellschaft das alles durchaus. Aber menschlicher Verlust und Entwurzelung haben keinen Preis.

Und erst recht zynisch wäre es, wenn wir Europäer in unsere kühle Kalkulation auch die Grenzschutzsoldaten, Stacheldrahtrollen und, wer weiß, bald auch Selbstschussanlagen einrechneten, mit denen wir uns Klimaflüchtlinge aus Afrika vom Leib halten könnten – Menschen, die vor den Folgen unseres Lebenswandels fliehen. Ja, es geht auch ums Geld. Aber bei Weitem nicht nur.

E-Mails an: karl.gaulhofer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.11.2018)

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