Fühlen, was sein sollte

Leitartikel Journalismus sollte auf Fakten statt auf Fiktion beruhen. Eine politische Bewegung erst recht. Anmerkungen zu Menasse, Relotius und Co.

Der „Spiegel“ schrieb nun den Leitsatz seines Gründers, Rudolf Augstein, „Sagen, was ist“, auf das Titelblatt.
Der „Spiegel“ schrieb nun den Leitsatz seines Gründers, Rudolf Augstein, „Sagen, was ist“, auf das Titelblatt.
Der „Spiegel“ schrieb nun den Leitsatz seines Gründers, Rudolf Augstein, „Sagen, was ist“, auf das Titelblatt. – APA/dpa/Kay Nietfeld

Der „Spiegel“ schrieb nun den Leitsatz seines Gründers, Rudolf Augstein, „Sagen, was ist“, auf das Titelblatt. Nachdem der Jungstar des Magazins jahrelang eher nach dem Motto „Fühlen, was sein könnte“ beziehungsweise „Erfinden, was sein sollte“ vorgegangen ist.

In dieses Fahrwasser geriet dann auch der Schriftsteller Robert Menasse. „Die Welt“ berichtete – nun im Zuge der Affäre Relotius mit größerer Wirkung –, worüber der „Spiegel“(!) schon vor einem Jahr die Welt in Kenntnis gesetzt hatte (ohne größeren Widerhall). Der „Welt“ verdanken wir nun aber das schöne Zitat Menasses „Was kümmert mich das Wörtliche?“

Im Oktober 2017 hatte der renommierte deutsche Historiker Heinrich August Winkler („Geschichte des Westens“) im „Spiegel“ eine Replik auf die von Menasse und Mitstreitern propagierte Idee einer Europäischen Republik, in der die bisherigen Nationalstaaten aufgehen sollen, geschrieben. Winkler hielt Menasse darin vor, dass er in seinen Reden und Schriften immer wieder Walter Hallstein, den ersten Präsidenten der Kommission der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), des Vorgängers der EU, falsch bzw. irreführend zitiere.

Menasse machte aus Hallstein eine Art Galionsfigur seiner Bewegung, indem er insinuierte, auch dieser habe schon Vereinigte Staaten von Europa anstatt der Nationalstaaten gewollt. Menasse unterschob Hallstein Sätze wie „Die Abschaffung der Nation ist eine europäische Idee“ oder „Ziel ist und bleibt die Überwindung der Nation und die Organisation eines nachnationalen Europa“. Winkler hielt im „Spiegel“ fest: Nichts davon habe Hallstein je gesagt. Menasse sagt nun lapidar: „Was fehlt, ist das Wortwörtliche.“

Nun hat Robert Menasse schon recht, dass für einen Schriftsteller andere Maßstäbe gelten als für einen Journalisten (sofern man das nicht wie Claas Relotius miteinander vermischt). Aber: Menasse tritt in seiner Rolle als führender Exponent einer gesamteuropäischen Republiksbewegung ja nicht als Schriftsteller auf, sondern als politischer Agitator. Er macht Stimmung für eine politische Sache, die er für gut hält, die eines Tages Realität werden soll – auf Basis nicht vorhandener Fakten. Ja, wenn sogar der erste Kommissionspräsident gegen Nationalstaaten und für ein Vereintes Europa war, dann wird das wohl was für sich haben, sollen sich die Leute denken. Gut gemeint ist in diesem Fall ganz sicher das Gegenteil von gut.

Und da kann man auch wieder eine Brücke zum Journalismus, zu einer heute weitverbreiteten Spielart des Journalismus schlagen, dem auch der „Spiegel“ und sein Jungstar anheimgefallen sind: Es wird viel geschrieben, was sein sollte,und weniger, was ist. Weil es manchem Journalisten und wohl auch den Lesern besser ins eigene Weltbild passt. Rednecks in der US-Provinz wählen Trump, hassen Mexikaner und sind auch sonst zurückgeblieben. Ähnliches fand hier während der Flüchtlingskrise 2015 statt: Wunschdenken blendete vielfach die Realität aus.

Auch Robert Menasse sprach und schrieb nach dem Motto: „Was sein sollte“. Schließlich habe, wie er nun einräumte, Hallstein das zwar nicht so gesagt, aber insgeheim wohl so gemeint. Fühlen, was sein sollte. Eine politische Bewegung sollte auf so etwas besser nicht gründen.


Und wie sehr heute zudem mit zweierlei Maß gemessen wird, zeigen auch noch andere Passagen aus besagtem „Spiegel“-Artikel von Heinrich August Winkler. Er verwies darin auf das 2012 von Menasse herausgegebene Buch „Der Europäische Landbote“, in dem dieser schrieb: Man müsse sich mit dem Gedanken anfreunden, „die Demokratie erst einmal zu vergessen, ihre Institutionen abzuschaffen, soweit sie nationale Institutionen sind [. . .] Wir müssen stoßen, was ohnehin fallen wird, wenn das europäische Projekt gelingt. Wir müssen dieses letzte Tabu der aufgeklärten Gesellschaften brechen, dass unsere Demokratie ein heiliges Gut ist.“

Würde das ein rechter Intellektueller von sich geben, da wäre was los. „Orbánismus“ wäre der mindeste Vorwurf.

E-Mails an: oliver.pink@diepresse.com 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.12.2018)

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