China, ein Land der Nachahmer? Diese Zeiten sind vorbei

Die geglückte Mondmission beweist, dass made in China heute mehr als Billigproduktion bedeutet. In Europa aber wird China weiterhin unterschätzt.

Die dunkle Seite des Mondes scheint fest in chinesischer Hand: Als erster Raumfahrtnation der Welt gelang der Volksrepublik am Mittwoch die Landung einer Sonde auf der erdabgewandten Mondseite. Raumfahrtgeschichte made in China eben. Die Chinesen, ein Volk der Nachahmer, das in Heerscharen am Fließband sitzend Kopien von Luxustaschen produziert? Die Zeiten sind vorbei. Auch, wenn diese Bilder wohl so manchen als Erstes einfallen, wenn sie an China denken – nach der Frage, ob das Lieferservice lieber Gongbao-Huhn oder gebratenen Eierreis bringen soll.

Die geglückte Mondmission ist ein weiterer Beweis dafür, dass made in China heute weit mehr bedeutet als Billigproduktion. Und so dürften sich Pekings Propagandisten gefreut haben, dass sie der Welt beweisen konnten: Ein autoritärer Staat unter kommunistischer Führung ist in der Lage, Spitzentechnologie zu entwickeln. Schon einmal von Beidou gehört? Die chinesische Antwort auf das US-Satellitennavigationssystem GPS soll schon 2020 global im Einsatz sein – und westliche Alternativen im besten Fall ersetzen.

Weltraumtechnologie ist jedoch nur ein Feld, in das Staats- und Parteichef Xi Jinping Milliarden buttert, um die Tech-Weltführerschaft zu übernehmen: Bis 2035 will die Volksrepublik die USA bei der Quantentechnologie überholt haben. Vereinfacht gesagt, soll die Technik superschnelle Computer und abhörsichere Datenübertragung ermöglichen.

Die Grundsteine sind gelegt. So waren die Chinesen 2016 die Ersten, die einen Quantensatelliten ins All schossen. Übrigens mithilfe des Österreichers Anton Zeilinger. Er sicherte sich, frustriert über die mangelnde Unterstützung der Europäischen Raumfahrtagentur, lieber chinesische Gelder für seine Forschung.

Auch im Bereich künstlicher Intelligenz (KI) ist die Volksrepublik drauf und dran, die USA auszustechen. Etwa kommt das wertvollste KI-Start-up der Welt, Sensetime, aus China. Peking hat es neben Internetgiganten wie Alibaba oder Tencent zu einem von fünf „nationalen Champions“ erkoren: Es hat sich auf Gesichtserkennungssoftware spezialisiert und ist wesentlich für Xis Überwachungsstaat.

Die Liste Chinas jüngster technologischer Errungenschaften lässt sich lang fortsetzen: vom weltlängsten Hochgeschwindigkeitszugnetz bis zum weltgrößten Telekomausrüster Huawei, der in Europa große Komponenten des Mobilnetzwerks stellt. Dass die Namen der Megakonzerne aus dem 1,4-Milliarden-Land im wahrsten Sinne des Wortes chinesisch klingen, zeigt: In Europa wurde China viel zu lang unterschätzt.

Natürlich: Noch ist ein Großteil der chinesischen Industrie nicht gerüstet für das Hightech-Upgrade, das Peking vorschwebt. Und nach wie vor ist das groß angelegte Abzapfen westlichen Wissens durch Firmenübernahmen, Hackingattacken, Forschungskooperationen, das Abwerben von Talenten und den erzwungenen Technologietransfer für Firmen, die in China tätig sein wollen, eine wesentliche Säule des chinesischen Erfolgs.

Doch dafür sind auch europäische Politiker und Wirtschaftstreibende verantwortlich. Aus Überheblichkeit, Naivität oder mangelndem Weitblick haben sie die Chinesen lang gewähren lassen. Nach wie vor gibt es keine langfristige Strategie, wie sich Europa für den Tech-Wettlauf rüsten will. Dabei hat es nicht nur wirtschaftliche Folgen für Europa, dass die Volksrepublik in dem milliardenverheißenden Zukunftsmarkt zunehmend den Ton angibt: Technologie wird die Welt durch und durch bestimmen. Die Staaten, die sie zuerst beherrschen, werden die Regeln für die neue Weltordnung festschreiben.

Die Reaktionen auf Chinas Eroberungsmarsch schwanken zwischen kritiklosem Kooperationswillen, einer hysterischen Verteufelung alles Chinesischen und selbstgefälligen Prognosen, dass die Volksrepublik letztlich doch kollabieren werde. In der Debatte ist aber eines zu vermissen: der Wille, den neuen globalen Player kennenzulernen. Denn nur dann kann Europa ihm ernsthaft begegnen. Das würde schon im Kleinen beginnen: etwa mit Chinesischunterricht an den Schulen.

E-Mails an: marlies.eder@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.01.2019)

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