Wien ist eine lebenswerte Stadt: Vor allem für die oberen 10.000

Leitartikel
Wien wird EU-Standort von Weltbank und IWF. Das zeigt, dass die Stadt viel zu bieten hat. Oft muss man sich als Wiener aber auch einiges bieten lassen.

Wien steht bei den sogenannten Expats, die überdurchschnittlich gut verdienen, deren Lebensraum sich zwischen Freyung und Josefstädter Straße erstreckt und deren Kinder die Vienna International School besuchen, hoch im Kurs.
Wien steht bei den sogenannten Expats, die überdurchschnittlich gut verdienen, deren Lebensraum sich zwischen Freyung und Josefstädter Straße erstreckt und deren Kinder die Vienna International School besuchen, hoch im Kurs.
Wien steht bei den sogenannten Expats, die überdurchschnittlich gut verdienen, deren Lebensraum sich zwischen Freyung und Josefstädter Straße erstreckt und deren Kinder die Vienna International School besuchen, hoch im Kurs. – (c) Clemens Fabry

Erst vor knapp einer Woche knallten wieder die Sektkorken im Wiener Rathaus. Zum zehnten Mal hintereinander wurde Wien zur lebenswertesten Stadt der Welt gekürt. Die internationale Mercer-Studie wird von der Stadt regelrecht zelebriert. Tatsächlich ist es eine Auszeichnung, auf die man auch stolz sein darf. Allerdings sagt das Ranking wenig über die Lebensumstände der Wiener, aber viel über jene der hier arbeitenden Topmanager aus dem Ausland aus. Schließlich ist Mercer ein internationaler Unternehmensberater. Und zu seinen wichtigsten Geschäftsfeldern zählt nun einmal, Konzerne bei der Entsendung von Mitarbeitern zu unterstützen.

Wien steht bei diesen sogenannten Expats, die überdurchschnittlich gut verdienen, deren Lebensraum sich zwischen Freyung und Josefstädter Straße erstreckt und deren Kinder die Vienna International School besuchen, hoch im Kurs. Nun werden also mehrere Hundert Weltbanker und Währungsfonds-Manager in den schicken Turm an der Praterstraße einziehen. Das ist gut fürs Image, für die Kaufkraft, für den Standort.

Aber genauso wie die Mercer-Studie Wien Jahr für Jahr in den Himmel lobt, so vernichtend ist das „Expat City Ranking“, das vom Münchner Unternehmen Internations produziert wird. Da belegte die Stadt im vorigen Jahr Platz 65 von 72 in der Kategorie „Freundlichkeit“. Gleich vorweg: Die Studie bildet die Realität ebenso wenig ab wie jene von Mercer. Denn an der Befragung haben gerade einmal 196 von 25.000 in Wien lebenden Expats teilgenommen.

Etwas aussagekräftiger ist da schon das Eurobarometer der EU-Kommission. Es misst die Zufriedenheit der Einwohner. Wien liegt auch da im Spitzenfeld, allerdings mit Abstrichen. Die Wiener sind zwar äußerst zufrieden mit dem öffentlichen Verkehr, sind stolz auf das umfangreiche Kulturangebot und stellen ihrer Stadt auch in puncto Sauberkeit ein gutes Zeugnis aus.

Aber ein Drittel der Befragten hat in die Verwaltung „kein Vertrauen“. Wer also persönlich mit dem Magistrat zu tun hat, der singt ein anderes Wienerlied. Nicht selten hört man auf dem Amt den zwar zutreffenden, aber wenig hilfreichen Satz: „Do sind S' foisch!“ Und wer den telefonischen Kontakt mit „seiner Stadt“ sucht und diesen via Callcenter bestreiten muss, ist mitunter schon froh, irgendwann zumindest „foisch“ zu sein. Schlechter als die Stadtverwaltung schneidet nur noch das Bildungswesen ab. 58 Prozent der Wiener glauben, dass die Schule in ihrer Stadt ein Problemkind ist.

Dennoch: Es ist vieles gut, aber so manches könnte besser sein. Vor allem auch die Art, wie mit Minderheiten und Randgruppen umgegangen wird. Darüber erzählt Johannes Kopf, Chef des Arbeitsmarktservice, eine äußerst aufschlussreiche Geschichte: Als ihm an der Garderobe eines Wiener Theaters seine Visitenkarte aus dem Mantel fällt, murmelt ein Mann hinter ihm, gerade so laut, dass es alle hören können: „Na, samma vielleicht arbeitslos?“


Anfang des Jahres wurde bekannt, dass die Post mit den Adressen ihrer Kunden ein gutes Geschäft macht. Sie kann daraus ablesen, welcher Partei sich Menschen eher zugehörig fühlen, ob sie Bio-Produkte kaufen oder wie sie ihr Geld vorzugsweise investieren. Das Ganze mutierte zum „Datenskandal“ der Post. Dabei sagt die Geschichte wohl vor allem aus, dass Wien allmählich zu einer Postleitzahl-Zweiklassengesellschaft verkommt. In Wahrheit muss man kein Postfuchs sein, um den Unterschied zwischen 1010 und 1100 zu erkennen, zwischen Innerer Stadt und Favoriten. Der vermeintliche Datenskandal ist wohl eher ein Integrationsskandal. Innen hui, außen pfui.

Und doch bleibt Wien vor allem eines: eine alles in allem lebens- und liebenswerte Stadt mit oft widersprüchlichen Wahrnehmungen. In kaum einer anderen Metropole liegen Selbstüberschätzung und Minderwertigkeitskomplex so nah beieinander, wird so penetrant schön- und schlechtgeredet. Helmut Qualtinger hat einst treffend gesagt: „Wien bleibt Wien – und das geschieht ihm ganz recht.“

E-Mails an: gerhard.hofer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.04.2019)

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